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BORIS LURIE: Über Clayton Patterson [1998]

Jeder weiß, dass Mr. Patterson der Bürgermeister der Lower East Side ist, und zwar nicht nur ein per Losverfahren gewählter Bürgermeister, sondern ein von der Geschichte berufener Führer. Wenn er durch die Straßen der Lower East Side spaziert, gefolgt von seiner Waffenmeisterin Elsa Rensaa, bewaffnet mit seinem Video-Röntgenapparat, kampfbekleidet mit rotem Bart und furchteinflößender, fast SS-mäßig aussehender Totenkopfmütze — dann erbeben die Bürgersteige der ehemals jüdischen Lower East Side. Die bärtigen und proletarischen Juden leben dort nicht mehr, um zu erzittern.

Die bedauernswerten Neo-Yuppies, die jetzt das Viertel besetzt haben, zittern nicht, denn sie sind erst gestern geboren. Dies ist ein Zeitalter, in dem die Künstler die Welt regieren Es sind sie, die uns vom Fluch des Teufelsreiches befreit haben. Sie sind es, die die globale Wirtschaft der Wall Street so profitabel führen Es sind die Andy Warhols und die Keith Harings (und Rauschenbergs und Jasper Johnses, besonders Frank Stella), die sich im Alleingang zu Führern der Kulturwelt erhoben haben. Nicht nur die Kulturwelt, sondern die Welt, wo immer sie in Indonesien und Afrika und der ehemaligen Sowjetunion gedeihen mag, die schwule Welt Aber Clayton Patterson, obwohl er die organisatorischen und finanziellen Leistungen anerkannter linker revolutionärer Genies wie den verstorbenen Warhols schätzt — weigert er sich einfach hartnäckig, aus diesem Kunstgeschäft der Welt Profit zu schlagen.

Und warum? — Sein vorgetäuschter mephistophelischer roter Bart ist dafür einfach zu rot. Obwohl, wenn sie nach dem Kanadier pfeifen, könnte er dem Ruf der kanadischen Wildnis widerstehen? Der große Reformer Gorbatschow konnte der Arie der Sirenen nicht widerstehen. Aber Bürgermeister Clayton stellt sich selbst so unausstehlich dar, instinktiv vielleicht, unter Verzicht auf die Normen und Gepflogenheiten und darauf, wie man sich bei gemütlichen Eröffnungen zu verhalten hat und wie man zu reden hat. Jude-York und nicht kanadischer Hinterwäldler, der Ruf aus der Wildnis wird wohl nie eine Chance haben erhört zu werden. Hauptsächlich arbeitet er am Telefon, und zwar noch intensiver, als wie die Wall-Street-Broker am Telefon schimpfen. Und Kunst (Große Moderne, oder Postmoderne oder was auch immer) ist nicht mehr das, was die Absolventen edler Universitäten als Tatsache akzeptieren: die Avantgarden gedeihen nur durch das außenstehende, ungeliebte Volk. Und befanden sich nicht Van Gogh oderChayim Soutine außerhalb der Salons von Soho?

Publiziert in: NO!art Show No 3, catalog, New York, 1998

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BORIS LURIE: Geboren 18. Juli 1924 in Leningrad (St. Petersburg). Ein Jahr später zogen seine Eltern mit ihm nach Lettland (Riga). An einer deutschsprachigen Schule erlernt er seine baltische Ausdrucksweise. Nach der Besetzung seiner Heimat war Lurie von 1941 bis 1945 gefangen in den KZs Riga, Lenta, Stutthof und Buchenwald. Nach der Befreiung durch die Amerikaner 1946 Emigration in die Vereinigten Staaten. 1954-55 Aufenthalt in Paris. Begründete 1959 zusammen mit Goodman und Fisher die NO!art-Bewegung in der 10. Straße in New York (March Group & Gallery). Ist nach wie vor involviert in der Fortsetzung der NO!art-Bewegung. — Gestorben 2008 in New York.  mehr

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