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GESCHRIEBIGTES / GEDICHTIGTES
Juli - November 1999

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1999b + 2000 + 2001
 

 Weil niemand
 Die gute Ka-Zet Hündin
 Ich halte mich an Veralterte
 Das ist nicht nur die Mutter
 Es ist ja allen klar
 Was ich zu sagen hab, ist hier
 Es stinkt hier
 Nachtobrigkeit
 Ich möchte heute Garnichts
 Beendet? Was ist beendet?
 Es wütet da die Stille
 Auch Standläger
 Denen – der in Gefangenschaft
 Die Zigarette lockt mich
 Schnippsel: Wieso ist es
 Schnippsel: Da überkam ihn
 

 Schnippsel: Dann war es wirklich
 Schnippsel: Er hüllte sich in einen
 Der Alte sagt: „Bitte.“
 Schnippsel: Dann lag er flach
 Schnippsel: Ausserdem vermute
 Schnippsel: Und wann hatte sie
 Er setzte sich und weinte
 Dunkelnde Zimmer
 Schnippsel: Dann stolperte er
 Die Kolben stossen Kolben
 Die Zigarette hat sich
 Ich hätte vorgeschlagen
 Die steht vor mir, halbhoch
 Die Frau’n sind immer da
 So tu’ ich’s

 

[13. Juli 1999]

Weil niemand an dem Schreibtisch sitzend
abgeblasen werden darf

weil dass Rauschend-berge kilometerweise
durch die langen Dora Höhlen flaut

und Environment-Tapeten, zugeständlich
— seien Wahr-hohl Kühe!
von den eis-weiss galerieten Höllenwänden
schon nicht meckern

weil der Supermarket wie pop-Auschwitz
kunst-eins angestiftet ist

wiedann sehnt man sich nach einem
kleinen ehrlich anständigen Künstlerfurz

hängend aufgehengte
in, vom Super Architekten,
sternbesäten
der designered Luft.

 

[18. Juli 1999]

DIE GUTE KA-ZET HÜNDIN

Die deutsche Schäferhündin "Punch" bewachte mich (mit ihrem Bellen nur ... oder sogar warmem Gesichtslecken eines potentiellen Angreifers) durch die schlimmste Zeit der New York Lower East Side Massenbrände und rassischer und drogensüchtiger Gewalt der 70 70er Jahre. Sie wurde zwei jahrelang von Krebs kuriert und starb in 1977 im Alter 12 Jahre.

Doch hatte Punch auch, muss ich sagen, schwere Vorurteile unliberaler Natur, die sie vielleicht (rassenweise?) vererbte? — Kleine Kinder magte sie nicht (vielleicht weil sie Zehn ihrer eigenen gleich nach der Geburt verlor — ) und alle, die ungewöhnlich ausschauten: Heimlose, Hippies ... und die rassistisch anders aussahen, speziell Neger. Grundsätzlich war sie ultra— konservativ in allem, nichts Regelrechtiges sollte gestört werden.

Na, das war nur anfänglich so, nachdem sie Bekanntschaft schloss, wurde sie so liberal wie Amerikaner ... sie war doch Amerikanerin ... und faktisch wenig Deutsche, kaum wirklich Jüdin.

Trotz ihrer unerwarteten Charakterzüge, sie half mir doch sehr stark bei meiner NO!art Kunstproduktion zu einer Zeit, wenn alle es schon tot glaubten. Und ohne sie — wer weiss? Wäre Produktion — wie ich selber — in diesen Messerjahren vielleicht stillgelegt.

Schon ... sie bewahrte mich ... wie ein Ka-Zet Wachmann? Ja, man konnte mit einem oder anderen der Mordhunde auch manchmal gut auskommen: wenn man auf eine schöne geistesgleiche Ebene zufällig geriet (doch gab es für sowas auch meistens realistische Profit-Gründe): und doch, man war ja zugehörig zu einer gemeinsamen Familie! So sagte mir der Scharführer (?) Hoffmann, Kommandant des Aussenlagers Magdeburg, schon bei der Befreiung (und während seiner und der Wachmannschafts und Kapos´ Flucht): "Komm doch mit uns, mein Junge, wir gehen alle weg von den Amerikanern!" und meinte es doch ernst, trotz einer Flasche Bier in einer Hand und einem Revolver in der anderen haltend. Denn wir gehören doch alle zusammen, so könnte man sagen! Und ich, von solchen Überzeugungen automatisch überwältigt — stand stramm vor ihm, mit Bitte um Auskunft, damit er, der "gute Vater", mir behilflich sei — was mit den Leuten im Schonungsblock geschehen sei, wo mein Vater schon drin war. (— Er war ein vielfach eigenhändig Mörder.)
Na, er hatte schon recht, dass wir alle, zusammen mit Wachhunden, in einem Haufen zusammengehören. Das erweist sich jeden Tag. Doch weglaufen, von der Befreiung! das passiert auch heute in dem glitschig Haufen.

Mein Ka-Zet Wachhund "Punch" warf mir noch einen letzten liebevollen Blick zu, wo sie im Krankenhaus zum letzten mal, zum Sterben weggerollt wurde. Das tat sie wirklich, ihren Kopf zu mir aufhebend.

Ich hatte so den starken Eindruck, dass der junge Krankenhaus Ka-Zet Arzt sie trotz meiner Veranlassung, sie doch liquidiert hat. Sie war hoffnungslos. Er war nachher gar zu zufrieden. Er schaute so wie, sogar hübscher aus, als der junge Dr. Maengele auf Fotos aus Auschwitz; ich hatte den bestimmten Eindruck, er war New Yorker Jude.

 

[Juli 1999]

Ich halte mich an VERALTERTE
einer Art zur Gegenwart vielleicht hinaufgeschwungt´
sowie Marxismus ... Internationalismus ... Religion ...
und Volkstum ist nicht gar nicht ausgeschlossen
schon verehrt
und Dr. Freudes Weisheit ... Freude — vorsichtig! —
bekräftigen — gar vorsichtig!

NUN WIE ALLDIESES KRIEGERISCHE ZU ENTFALTEN?

Und dass die Hand — nicht Fotokopie!
ausschlaggebend, sich bewegen muss —
und auch das alles, was produziert wird,
nur auf der scharfen Himmelstrasse,
nicht in Labors,
geprüft wird, ob es ist lebendig.

 

[1. August 1999]

Das ist nicht nur die Mutter, Schwester,
noch in Die verliebt sein
— kein´ Arbeitsmagd!
die da in Blau und Rosa, Gelb, getunkt in Licht,
formiert, Geburtebeben steht —
zu sich dich weg von es dich zieht,
die Sargluft— Mauer gilt dir als Verteidigung
doch sitzt mir es
Erscheinung aus dem schönen höllischen Wahrsein,
nicht nur im Kopf !
ist eingewurzelt wie die Schlange, die dich verschlingt,
doch nicht Ausschlangen bringt.

Im Neon-Land der Buchen, spielen Helden
mit Strip-Teasen.

 

[6. August 1999]

Es ist ja allen klar, die es am Leib gespürt, dass, falls sie ehrlich, offensichtlich nachdenken, nur ein andersartiger Holocaust, die Vorhergehenden, mit glaubenhafter Hoffnung nur, auf dessen positiven Erfolg — und nicht nur Blutbad, uns aus der Klemme zu erlösen magt, in einen, der anfänglich am wenigstens, blütenhaftig schön sei —
und soviel wissentliche christlich Schultze, die haben es so gut, sie haben soviel Mut, die fressen Rosen wie mein Hund, wurden ja so abgestumpft, dass sie die Aufrüttlung, auch schokoladebedeckt, auch das nicht wollen, es ist so gut, in dieser umfangreichen Irrenanstalt, wozu dann wieder einen Holokaust, wenn Moskau doch und Tel-Aviv, sowie Berlin vergiftet nun, mit hochhauch Stachelrosen, die man den ein´gen tapfren Serben nur als Honig, zum Auflecken bereit´— es zieht sich, unversöhnlich, zum andren, guten Holokaust —

Oh! die Re-vo-lu-tionäre!
Verbleibt doch lieber unter dem Deckmantel
zu allen Schmieden so gegebenen "Ästhetischens".
Die Scheisse häuft sich auf den Bergesspitzen,
um den Gott zu beklagen.
Klagt´s nicht! Tut´s mit den kurzen Fingernägeln!

Dann! Machst Du wieder eine kindesartig Rebellion?
Nein: häufe die Steine.

Bis sie als der Vesuvius erbrechen.

 

[8. August 1999]

Was ich zu sagen hab, ist hier,
und wenn ich nichts zu sagen hab,
dann sag ich´s laut, verflochten in die Steine

Und was ich nicht besagt, ist vielfältiger
als die federdunsten Steingranaten —

Gib nur mir Zeit!
Ich werd´ es später noch ver-Sagen!

 

[13. August 1999]

ES STINKT HIER. UND WARUM STINKT ES ?

Die Wasserleitung ist vollkommen intakt,
die Diele, schon, wo nicht spazieren gehen wird,
schwarz-verkrustet —

Na, das bezeugt auf ehrenwertes Altertum.
Ermahnt auch an den Boden — wohin wir stammen.

Doch woher denn — aus welch verborgner Flöze,
kommt, mich bedrückend, das milde Erdezittern,
in den Nasenflügeln,
sexierendes, Cuir-de-Russie, zunagelndes Parfüm.
Nicht aus der Toilette.

 

[21. August 1999]

NACHTOBRIGKEIT
        wie FLÜGELSANG-GEWICHT

(FÜR DINGE AUSZUTAUSCHEN)
Geschriebigtes —

hinunter dann
die Saus-Glitschbahn
den Schnee des Bikernieku Mordwalds zu befliegen

wer sonst hochoben da, als die kleine furchtnichtwissend
Schulkameradin Fräulein Lilly Dolgitzer — aha auf ihren Skien

ICH KOCHE EINEN BREI
DRIN SCHMECK ICH NICHT EIN EI

Trotz ihrem unschuldigen Mutwahn —
trotz ihrer lächerlichen unbemerkbaren Figur auf steiler Höhe
Trampolins — ich überzeugt, schockiert, es würden viel mehr
als gebrochne Beine —
trotz ihr beglückten Landens, auf dann nur weiss der Schnee
des Bikerniekschen Waldes

das Fräulein Dolgitzer blieb trotzdem schliesslich liegends.

DER BREI ENTHÄLT MEIN BEIDE EI
DAS EINE EI IST NICHTS ALS BREI

 

[28. August 1999]

Ich möchte heute Garnichts denken,
nur Wasserröhren— Musik lauschen,
den Kreis vom Bagel-schwerbebuttert essen
und mich nicht von der Freiheit stossen lassen —
die Laken sind noch frisch
dem Körper gibt´s Befehl — zum Waschen!
Und Sonne ist nicht heute heiss
es ist der Sabbat und auch der Kopf gefesselt werden.

"Am Siebten Tage soll´n sie ruhen!"
— Alle schluckte und gepökelt Zungen —
sogar brillante progressive Schlimme Geister.

 

[30. August 1999]

Beendet? Was ist beendet?
Nur doch was tot ist, ist beendet,
und was doch tot ist, ist nicht beendet —
wo ist die Farbe — zimperlich, gestaltet
die Hosen und das Hemd so saubersam gefaltet
die Schuhe seit bei seit zum Laufen-weg
zum Wettlauf ausgestattet,
Papiere, ordentlich ver-Ordent,
damit der Mond sie abgeblaset,
die Nummern sind nur alphabetenweis misshandelt,
damit sie in den Sternenlaufen, für ewig dann verschollen —
doch Zeitungsausschnitt bleibt für ewig in den Stollen —
und Sowas Ich, gefeuert immer, in der lebensgebend Sonne.

Und wer bin ich? Rum immer sich-bewegend Garnichts?
(Ich komme zu der Überzeugung,
die Sonnen brüllen, auch ohne mich.)

 

[5. September 1999]

Es wütet da die Stille,
ist es die schwerhörige Tante Minna?
Ausserhalb dem Gettozaun —
die doch Artilleriegeschösse hörte
und vom Versteck rauskam —

Der Alte Heimlose, zum Himmelfahren
sich schlafend, auf dem Trottoir,
an dem ich schnell vorbeigehe —
in meine warme Wohnungshülle, wo Standstill wütet —
zeichnerisches Abbatoir.

 

[6. September 1999]

Auch Standläger, stellt sich inmitten, auf den Kvas.
Der Heilbrunner tieft, mittens, in das Mass

und wer verlorengeht in diesem kindlich´ Spass
verschlingt die Wolken, damit es leidtut,
unter dem grünen Grass.

 

[16. September 1999]

DENEN —
  DER IN GEFANGENSCHAFT
ERGIBT
GIBT´S KEIN FRIEDEN

DENEN
           SICH IN GEFANGENSCHAFT FREIWILLIG ERGIBT —
GEBT KEINEN FRIEDEN!

(Die sich in Gefangenschaft mit Hast ergeben
sind geil auf ihren Status.)

(Davon gibt´s schöne viele Künstlerbilder
registrieren.)

 

[27. September 1999]

Die Zigarette lockt mich aus dem Bett
zum Hühnerschlachten —

bin wieder zu sehr früh Alles geschlafen.

Die Zigarette hat mit mir in meinem Bett geschlafen
verpasst das Hühnerkrachen
doch solches bringt doch immer doch natürlich
wennicht unvermeidlich, heiliges Gehühnergackern ...
dann später für mich: Scheltereien, grosse Sorgen ...

Die Zigarette hat mich spät geschlafen
zu dem nichtschönen schönen Hühnerslachen!
Doch schliesslich — für mich: ohne grosser Konsequenzen.

Da siehst du nur, Gutkamerad, dass dieses einmal
bin nicht keiner Hühnerschlächter —
und andersmal ist´s nur die Zigarette,
die mit mir geschlafen.

 

[28. September 1999]
SCHNIPPSEL
Wieso ist es gekommen, dass er sich wieder in die Hände einer Power-Dame entfalten liess, es schliesslich nur bei ersterer Gelegenheit anstrebte. Es ist das Alleinstehen im friedlichen erbarmlosen zivilen Krieg. Nur eine Verbindung, wennauch des Bettlers zum Wohltäter haben. Doch dies ist krummer als des Bettlers, es ist eines der sich als Geschlagen gibt, um wirklich weiterkämpfen können. Hurrah! Erstickt ihm seine Stimme, zu dem Sieg — mit hoffentlicher neuer Kraft, den Sieg, der immerdoch nach jedem Sieg verschwimmt, neualters anzustreben. Nun los, in die aufatmende Gefangenschaft! die sauer schrecklich süsse ist. Man weiss niemals, wenn man gesiegt, oder verloren.

Ja ... in die Dicke der Familien-Verwandschaften, nach vielen enforcierten Hemmungen, sich hineingeben, die Stricke des bewusst-Getriebenen mit Risiko von nimmer— Rückkehr, nun abzuschneiden. Ins Krankhafte? — jedoch Kurierende. Man sagt, dass man sich heilen kann durch Schläge.

Wie kam es, dass es ihm so passierte, dass er sich wieder in die Arme dieser grossen Power-Dame wieder nun begab? In ihren Bauch? nein, ihre zarten stämmig Hände, die ihn nicht anrühren vermagen wollten, nicht verwöhnen wollten? — denn er nicht essbar war "Treifa" ... die, auch gehörte zu der Frauenrasse der verstrickelten New Yorker, die ganz normal, ein wenig vielleicht überfett von aussen aussehen, doch wenn die Kleider davonkämen, zerstückelten sie in körperliche Bestandteile, ein Kopf mit Haaren, zwei Arme, zwei Brüste, zwei Hüften, ein Bauch, zwei Hintersbälle, zwei Beine, gewöhnlich mittelhoch beschuht ... so eine auch "Dismembered Woman", deren energischem vergnüglichen Verhalten man Sachverhalt nicht ansehn kann. Er zog mit allem Streben doch dahin, in die brennende Badewanne. Warum? Da kann man spekulieren, dass er an Messerspitze und auch wenn todesmüde und auch wenn schlafend und auch wenn scheinbar kosig, leben musste. Warum? Weil Nebeldunst ihm irgendwie und was verschleierte, wahrscheinlich unexakt, profangesagt.

 

[29. September 1999
SCHNIPPSEL
Da überkam ihn die Selbstschlagelust: wie schön wäre es, den Herren zu schlagen, um das alles was Er doch alleinstehend verursacht hat — also durch sich, körperlich, den Gott, der alles konstruiert; den schlagen — und nicht des einen, fremden, nur eines menschlichen Körpers hauen ... der nur doch zweiträngig, dritträngig, unwichtig wirklich, in der Wichtigkeit auf Stufen des Geschaffenen steht. Denn alles wird nur durch die Sicht des Allein, des Selbst, obwohl es umringelt ist, immer angesehen und tatsächlich gefühlt. Wenn man sich selbst schlägt, erlang es ihm: dann schlägt man doch direkt den Schaffer dieses Universums! Verrückte Idee?

 

[9. Oktober 1999]

SCHNIPPSEL

Dann war es wirklich doch natürlich, doch die Zwickerei, in dem sie Herrenkunde auf den Machtessohlen — völkischweise, den Verurteilten belehrte; und wären es doch kleine Missverständnisse, die sie ausglätten wusste, soeben was wie die Vergesslichkeit des Sklaven — die sie anzurichten wusste; nein, niemals sollte diese Sache von der aktuellen Tat nun vorenthalten, distanziert werden. Es gäbe dann die Wollust angeheimigter Sossen des zuckerlich´ Schlaraffenlandes, wie Menschen es unendlich aus dem Fluss der Liebe in die Eingeweide schlürften. Es sollte wahrzunehmen sein, dass die Verbindung eisenstark besteht, durch keine Wolkengüsse abgestumpft sein könnte. Dann kam der letzte phantasie-berahmte Dolchstoss und alles war hernach den Menschen klar gemacht. Schlafen, wie´s einem nur von dem kommunistischen Körper abgetrennt war, gegönnt war.

 

[10. Oktober 1999]

SCHNIPPSEL

Er hüllte sich in einen schwarzen Beduinenmantel, wie es die Beduinen machen, obwohl es mittags zu schlimm heiss war, obwohl der Mantel, anfänglich und das war zum erwarten, die Hitze und das Gewicht nur schlimmer machten und setzte seine Füsse über Steine rollen und die aus Schlammheit schon gerade protestierten, trotzallem wagemütig vorwärts; wohin, das wusste er nicht selbst, doch sollt´ es vorwärts gehen, solange es noch ging; und er, ein junger Mann, das könnte lange dauern. Dann, über Felsenhügel mühsam steigend, hinabgehend, wobei die Wirbelsäulen ihm zu brechen waren, erblickte er das Wunder, das er wahrscheinlich doch gesucht. Statue, stockzwei hoch, aus Rumpelsachen angefertigt, aus alten Säcken, Lappen, von Zweigen (und woher konnten solche in der Wüste kommen) aufrechterhalten. Konservendosen, zurechterhalten nur mit Schnur, formierten grosse Brüste und Plastiklaken verdreht wie Arme, wehten schlagend in dem Wind und Tieresfelle angeknüpft mit Stecknadeln, die manche noch nicht ausgetrocknet und mit sickernd Blut, verbanden die Skulptur gerade, wo sie sonst zusammenbrochen wäre. Das war sein Bestimmungsort. Dann legte er sich auf den Boden und hörte dem Gegackel zu, wie die Lapsen und Konservendosen und Plastikarme der Statue im Negew-Winde alarmierende Geräusche machten und wartete, auf das, was folgt. Auf den Palästinenser — sogenannt — der mit dem Messer schleichen kommen wird.

"Abschlachten", sagte der Herr im Gespräch, "nicht mit Maschinen machen, mit Flugzeugen aus hoher Luft, durch Knöpfedrücken, wo man nichts sieht was passiert, nur einen Wegweiser auf dem Glühschirm; sogar nicht durch ein Uhrenwerk, das an Dynamit geknüpft, wobei der Täter schon weitfern ist ..." Zog sich zusammen mit diesen unangenehmen Gedanken, doch behielt kaltbrunnen Ruhe, "fachmännisch wie Lucio Fontana seine Schlitze durchdacht und kontrolliert mit dem Rasiermesser in Leinwandfläche einschnitt."— "Ein Jedem das Seine" — Kaum schmunzelnd. "Und die Freiheit sich lassen zu anderen Mustern aus der gegebenen Komposition sich weiterhin belehren lassen, um fortzufahren — so muss man´s machen", erläuterte er, "das Objekt selber fordert während des Schaffens — sich zuhörend zur Stimme dessen, der es erfahren hat." Und so zum Lehrvertrag ermuntert, doch wie es schaffen.

Draussen in der Gutsscheune, umzingelnd dieses Negev-Wüste Zimmer, regten sich schon die nördlich dicken fetten Bäume aufwachend von dem Schlaraffenlande-Schlaf. Heuschrecken sprangen fliegend wie verrückt, wo es nur Kumpel Gras gab auf dem splittrigen Holzboden und brausten: nun genug. Aufwachen, war der Sybillenruf durchaus des Geländes. Die schwarzen Raben sassen auf den Fensterbrettern und nagten gegenseitig mit den Schnabeln bis aufs Blut, die zankten sich schon, noch vordem was passieren würde.. Die Katze, die mit der Maus vergnügend spielte, liess sie noch immer nicht los. Und treuer Hund lag nebst der letzten Leiche seines Herren, der noch nicht aufstehen vermag. Im Allgemeinen runzelte es von Gerüchen, das Glas in Fenstern wurd´ noch nicht von draussenaus zerschmettert.

 

[14. Oktober 1999]

Der Alte sagt: "Bitte."
Der Jungmann, der sagt: "Gib!"

Die noch— schön Jungfer
ist in sich verliebt.

Die schon noch ält´re Dame
glüht, mit dem Licht.

Doch, was ist aussen schön
es nur verlischt.

 

[16. Oktober 1999]
SCHNIPPSEL
Dann lag er flach, wie eine der gemarterten Sardinen, im wollig Kasten ihres Herrenbettes: Es gab kein Aufstehn mehr, kein Gutenmorgen, nur Glücklichkeit, Nichtsehen und Vergeben. Die Stiefel plumpsten, sowie der Meisterinens Arbeitsgeräte. Ein Spalt von Sonne kam in den mixed-Stil und mit Verständnissen bemöbelt Zimmer. Die Schlitze aller Welt war´n zuckersüss und aus den Fabrik-Höhlen strömten kleine hungrig´ Menschlein. Dann plötzlich gab es die Explosion — die Hoffnung, die auf ihn gesetzt, sei nicht rechtfertigt. Er sollt´ die Stiefel aufschlürfen und wie gebrochener Soldat marschieren abmarschieren. Der Herrin Hackenschuhe blieb´n für Allerzeit in der Glas-Vitrine. Sirenen blühten allversprechend ihm im Kopf. Sie würden noch in Kürze wieder bombardieren. Inzwischen müsst´ der Rückzug mit kategorischer Gewissenhaftigkeit auf nackten Fusssohlen nun abgedeckt vollzogen werden. Denn eines Tages geht es wieder in den Kampf, wenn auch der unterliegendsten Etage ihres Bettes. Dann wird es wieder schöne junge Mädchen geben, die ihn als antibolschewistischen Befreier mit Blumensträussen überreichend ihn überraschend herzvoll grüssen.

 

[17. Oktober 1999]

SCHNIPPSEL

Ausserdem vermute ich, wie so rundherum rund um ihn alles wegstarb und zerfiel, Freunde und Nicht— Freunde, niemals gesehene antike Feinde, Dunkelhäutige, Bleichhäutige ... oder einfach aus der Sicht verschwanden, öfters um sich zu verstecken — und überall die Staaten, die letzteren den verräterischen Selbstmord begehend ... und was da wieder wiedergeboren wurde durch vergewaltigten Abort, war doch nur zweitklassig kaum lebensfähig auf den Experimentieren-Schalen der heilenden Doktore; und eines Nachts besuchte flüssig ihn die wahre und zerstückelte Grande Dame, die grausige Prophetin sogar in ehrenwertigen Gedenk-in-Stätten der nichtpassierten Heilig— Orte sowie von Buchenwäldchens — so wird´s geschehen müssen sein — und dann verstand er, dass er auch solcher Phatomfrau nun selbst auch wiederfolgen sollte, wohin das auch nicht führe, weg von dem üblichen Sodom und Gomorrah, denn Leben doch, wennauch bloss in theatralen Phantasiegebäuden, soll doch mit männlich jugendlicher Kraft von Einsatzregimenten — obwohl so schwierig in seinem jungen Alter! ... doch wiedermal verfolgt geworden sein. Und er folgte dieser fabelhaften wunderbaren Sirene bis auf sein´ Leib.

 

[18. Oktober 1999]

SCHNIPPSEL

Und warum hatte sie die Unterhöschen, die sich tagsüber mit der New Yorker Sommerhitze sich an ihren Körper schmiegten, warum, wo Öffnungen für die Beine, man diese dann zusammenschnürte und dann die schwarze Hosen-Assemblage mit gold´nen russischen-zaristischen 5-Rubel Münzen angefüllt, so vielen, dass man die Taille kaum mehr zusammenbinden konnte — wozu denn brauchte sie so vieles U.S.-Gold? Zum Brauen von den Revolutionen gegen die globalen Zarenirrtüme? Da gab es mehr als alle die Rebellen nur verschwenden konnten! Und wenn das Sackgebilde, alsob wenn mit KaZet— gestohlenen Kartoffeln, so überfüllt war, dass ihre vielen KaZet-Diener sie nicht mehr schleppen konnte — bekamen letztenendes doch die Polizei die Münzen sowieso, um neuere computersche Lebensreformlagen zu aufbauen. Doch er dient folgsam ihr als Schlepper, kein zurück.

Denn wenn sie doch immer zuvor ihm wegläuft — ihm den warscheinlich wahren Weg dabeimit vorzuzeigen? — Er ist nur einer ihrer mannigfaltigen Bestrebungen, die sie auch selbst grausam verwickeln — wenn sie ihn nur einmal nur anrührt mit dem zischenden Wegweiser, dann sprach es Glück für ihn, er konnte seinen Einsatz dann verfolgen.

 

[21. Oktober 1999]

Er setzte sich und weinte:
ihr Schlagen hätte sich
schon lange aufgehört und neues Schlachten
war kaum zu erwarten

die Tränen konnten nicht — das harsche Glück
das nur einmal — erneut! — passieren scheint —
zuwiderwiederbringen sträuben.

 

[23. Oktober 1999]

Dunkelnde Zimmer entsprangen dem Garten
leisrauschend Büsche erstillten Vormorgen
ein Loch erlosch im elektrischen Fenster
Riese des Herbst´s gedeckt steifer Mantel
kam Schleichen her zu inspektieren
ob alles korrekt für den kommenden Winter
zählte Glasscheiben noch existieren
machte Notizen um alles probieren.

 

[23. Oktober 1999]

SCHNIPPSEL

Dann stolperte er unter dem schweren Gewicht des Zerrens, er fiel doch nicht, doch ein Gedanken fiel ihm steinern ins Gehirn: Vielleicht verführte ihn die Grosse Dame? Vielleicht spornte sie ihn an, nur auf Grunde ihrer alleinigen Charakterzügen, immer vorwärts rennen, sich nicht abstellen, denn — wirklich — das ist doch der Tod! — für die meisten, die nicht zum abstrakten Denken so verankert sind; und was wär´ Denken, wenn nicht ein vielfältig bezweigter Weg? Er würde doch der beglückenden doch schmerzgebenden Sirene folgen, den angefangenen Weg nimmer beiseitelassen, auch wenn die ursprüngliche Dame von diesem Weg selbst wegläuft.

Es ist die Mistress — die mit ihrem Schlagen! die Männerschwänze zu Wiederaufblüh macht! Und noch ein wenig und er steht wie ein betrunkener Soldat und grüsst und heilt sie jedesmal, dass sie in physisch´ Tracht, ihm nicht passiert! Lang lebe die mächtige Erscheinung! Er muss ja nur in Bettlerkleidung angezogen sein und die zerstückelte Grande Dame schlägt zu, zu seinem Heul´ und Heil, er braucht sich nicht mehr schlagen! Und Schrei der Worte rutschet wie der Staub! Ejakulierung von den heilig´ Flüchen fliesst wie der heisse Stahl!

 

[24. Oktober 1999]

Die Kolben stossen Kolben
Byzantinen, Mienen —
Sprengstoffmienen
trotzdem: Frieden!
schenken, Schreihalslieder
haufen den vergess´nen Brüdern
Apfelsinen
ungeschält im Mund verblieben
stossen Schwester, liebend, gegen Leib von Schwester
um die Armut liquidieren
Guten Tag! Die Teufel werden so vertrieben.

 

[4. November 1999]

Die Zigarette hat sich
verhüllt in ihrer Hülse,
verstanden so
in ihrer unbelehrbar´ Pracht der Fülle

und Laufmensch
steht bereit in strammer Steife
— mir nachgeahmt —
der Stille-drückend Wässers-Mühlchen
des frühen Morgens,
Nachmittags verstanden in der Tageskürze
die sich aus Maul, im Winkel festgesetzt
dem, fordernd Liebe mit der Spucke
am Abfallsrand des Unverwesens,
nochmals das Lecken angetan.

 

[17. November 1999]

Ich hätte vorgeschlagen, dass die Menschen
sich von innen und von aussen chemisch reinigen,
sowie ich´s unbedingt mit meinen langgetrag´nen Hosen muss,
die schliesslich in die Ausstellung der Menschenwürde
im Weltzentrum des Kunstschaffens
präzise SoHo/Chelsea in New York
da ausgestellt sein werden,
nebst and´ren klugen Sachen, reingewaschen
sowie des heiligen amerikanischen Künstlers Andy Warhols
mag er in der Hölle mit seinen hochgestellten
homosexuellen und vergoldigten Kumpanen da, vorerst gewaschen
was nicht notwendig ist, er sei so sauber, schmoren.
Doch ich mich absolut verweig´re, selbst rausgewaschen worden
dahin auszustellen lassen als abgemagerte
mit fettem Bauch Antikfigur
doch meine chemisch saub´ren Hosen sprinten hin statt mir,
obwohl die Fart-world SD-Offiziere immernoch
die Wiedergutmachung nicht zahlen, doch wer denn braucht
die sauber-riechend, unmosaisch Jew-York artworld, Scheckels.

Und Grund für meine Weigerung ist nicht, dass ich selbst als Heilig´
wie der krumme Andy Ass-hole werden wolle,
doch nur darum, weil ich mich absolut nicht waschen kann,
das Wasser in meiner Magdeburger Badewanne,
die mich damals im Krieg gerettet
— nun in dem New Yorker Schweineatelier — ist mehr verschmutzt
versaut und saurig als meine selbstig sickernd Haut, die ich mit
stolzem trottend Selbstdreck immer strotzend tragen werde.
Weil ich mich selten in der stinkend Pisse wasche,
deswegen bin ich sauber.

 

[19. November 1999]

Die steht vor mir, halbhoch auf einem Kasten
ausgerüstet —
in schickem grünen Nerzmantel und langem weiten Schlitz
in ihren schwarzgedämpften schweissgeblas´nen Unterhöschen

Furchtloser Sascha:
kleingewachs´ner (... später rotunder) strammer
des Vaters Stalins Fallschirmjäger Killer
Diversant —
zwickt zu mir zu:
"Greif zu! Der jüdisch´ Pudding ist die meistbegehrte
Defizitenware!"

Die Schönste strotzte da vor mir, samt off´ner Oeffnung
glaub ich, auf dem Patronenkasten.

 

[25. November 1999]

DIE FRAU´N SIND IMMER DA

bekümm´re dich nicht
der ideologischen Einstellungen
und sage immer: "Ja!"
Sogar wenn eine dir, du so verkracht,
den Schädel abzuschrauben startet.
Sag´ ihr nur: "Ja! Es ist so heil!"
Und grab dir aus ´ne Andere —
es gibt ihrer so viel, so Schöner

Wenn ich das nur verstehen könnte, wie es zu verfrachten:
und oh, der Diablo, dem die unschuldigen Jungfern dienen,
mich doch nur träume trauern lasse.

 

[25. November 1999]

So tu´ ich´s —
wenn ich mich in ihren Armen ficke
: sollte wie ein Ferkel stöhnen, wenn geschlachtet wird.

Sie drückt mich immer fester zu der Brust
— den Kopf und das heisst das Gehirn
umzingelt griffstark meine Arme
doch anders machen lässt sie nicht,
ich zitt´re mit dem Unterkörper wie ein sterbend Fisch.

Das Schluchzen wird schon still gebilligt.

Ich werde später ihres nackten weltweiten Popo
mit meinen Händen, zarte aus der Fülle anbeten,
das Wunder unglaubend verneinen,
das während sie den Fernseh-Film
mit ungebroch´nem Interesse sich anschaut.
Nun gibt´s auch kein Verbot zum Kommen.

Mein Stöhnen wurde immer still gebilligt, als positiv empfunden.

Das Lecken vorerst war willkommen,

mit Andeutungen weitermachen.

Die Frauen sind das einzig Schönste, was es gibt im Leben.

Zu jedem Moment kann die Spiel-Schau abbefohlet werden,
ich, aus dem braunhildig´ Paradies verbannt.
Frauen sind das seltsam Schönste, was es gibt im Leben,
es lohnt sich, um gefährlich an dem Messer zappeln.
Nachalledem: sind alle Frauen
fabelhaft — so alle! — so wunderschön!

 

® https://text.no-art.info/de/lurie-geschriebigtes/texte-1999