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GESCHRIEBIGTES / GEDICHTIGTES 1985

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 Drei separate Zeilen
 Geschwör an Heinrich Heine
 Der Meister stirbt
 Des Nachts
 Was ist das Symbol
 Die grossen Künstler existieren

[Februar 1985]

Drei separate Zeilen — —

was schön, ist hässlich, was hässlich ist doch schön!
ach gib mir doch ein wenig Zeit zum Schmerz!
ich liebe die Pariser Prostituten.

[März 1985]

GESCHWÖR AN HEINRICH HEINE

Warum schreibst du gar nicht All (...allhimmlisches) — in Getto-Sprache? Warum denn im Ägyptisch der Sklaverei Amerikas? Ich denke ... haha nun schon seit neununddreissig Jahren, versuch' es, wenn man's denken rufen kann: In Wolkenkratzer-Hochägyptisch verknüpfle ich mein Hirn. Warum denn nicht in Hoch-Voll-Blut-Deutsch? Die netten dadaistischen Grosskinder (verzeih mir's... -un-Blut-linearverbindlich) der Intellektuellen von den SD-Sonderkommandos, "might find it very much amusing". Was ich auch hiebei tu: auf aus dem tiefsten Massengrabe Untermenschen-Deutsch. Warum denn nicht in deiner eigenen Gettosprache sich zuzudrückeln? Die jüdisch' Sprache einst in bezäumten Räumen konzentriert, rennaissanciert von Höherer-SS-und-Polizei mit Himmelsfahrt-Germanicum ... sie fing schon an beinah', im ersten neuen Judenstaat, mit offiziellem Adlersstempel zu existieren — doch die Zeitfrist, die ihr zugeteilt von den europawestlichen Kulturbehörden, verhinderte ihr Vollblühen. Dreiviertel der Getto-Insassen sprachen's mit Schönheit, die wahre, unverschmähte jüdisch' Mutterzunge. Doch damals nicht, im verdrahteten Quartier — das baltsprächelnde deutsch-kokettierende Ich: Kaninchen dieser linguistischen Selbst-Sezierung.

Hab's Jiddisch später nur langsam erlernt, obwohl Vater und Mutter es mit Geschmack sprachen — intim, und nicht intim, wenn zankend (nebst der so zärtlich-und-hysterisch Russensprache). Ich konnte Jiddisch nur palavern sehr unfrei ... so spät wie Stalingrad geschah im Anno Zweites Jahr (der ersten deutschen, nicht später zweiten, amerika-ägyptisch Sklaverei) — und ich bin achtzehn. Und nicht bei der strahlenden Roten Armee, doch Getto Sklavensturmkommando. Wo Jiddisch die Sprache aller toten Mütter ist (auch in der Freiheit-Heutzutag). Und ich begann's zu sprechen, als ob ich's immer kannte (mit Ausnahme von dem sovielen Seelischen, was ich nicht kannte ...), und schau! Die Worte kamen doch ganz bilderschön! Nun schreib' ich, Grosser Poet der Suffranz, des, was sie nennen Holocaustes (als ob es so ein Dante, den ich nicht gelesen, schreiben könnte) — statt auf arabische Dörfer zu schiessen, zur Renaissance meiner Eier, in meiner Wut. Forciere mich zu raisonieren, rational und cool und postitiv, wie ein displaced'er Immigrant es nun mal muss — im Nebulae-Jew-Yorkicum. Verstehe die amerikanischen Buchstaben ganz gut? Kaum die anglopharaonische Satzstellung. Des' zischende Finesse bleibt mir fremd. Ich habe in KaZets zuviel gefressen. Ich schaff's schon, auf Imperialistisch-Zunge irgendwie. Obwohl die Eingeborenen hier fühlen, dass ich Alt-Bolschewistisch spreche. Und dann ... mir selbst vorlesen, was ich geschrieben, ist Tortur. Und diejenigen, die mich für einen verkauften Kaffee lesen, sagen nichts, nur schlucken. In meinem Hochdeutsch besitze ich doch einige Gefühle-Raffinessen. Und meiner Grosseltern Jüdisch ist schon längst entweht. Zu wem und wofür soll ich kauderquatschen, in meinem Jenseits-Riga-Baltisch-Jecken-Deutsch? Diejenigen, die meine Sätze platzen hören sollten, — die hören's ja sowieso doch nicht.

Die erste Sprache, die mir die Leningrader Milchbrust-Ammen eingeflösst haben, das Russisch, kommt letztens auch stahl-stark, wie der verschmähte Kamerad Stalin, es wird, überall zurück. Ich symphoniere es ganz gut; mit Mischmaschakzent auf die längre Dauer (viel schlimmer noch als der Grusine Stalin). Das Jiddischsprechen blüht nur kurze Weile... es wird nach drei Minuten Friedhofssteine schwer. Ägyptisch-anglosaxonisch geht schon ganz gut in der leichten Konversation, sobald die vielfache Diaspora hineingewachsen in mich, ich nicht versuche zu verbergen. Jedoch ist alle längere Unterhaltung, in einer jeglichen Pferdeverspannung: ein Wurg. Sowas konnte auch bei allen sogar normal-heimsprachgen Leuten lauten. Es scheint mir doch, all' Völker Söhne und Töchter, unterreden sich vorbei, flugweis am Ohr. Und, einer Mutter-Muttersprache lebend oder normal gestorben haben, hilft nix sowieso. Sie vorbeireden sich allbei, um die lebendig/toten Ohren; so ungefähr wie's war in Babylon.

Ich breche die nationalsozialistische Sprache (mein' liebdeutsch muttisprachig Freunde seit mir nicht bös, das ist Subkonszienz-Gewimmel, ich meine das nicht an der Oberfläche so — das klingt nicht weg...). Manchmal, auch 'rum mein Ohrenlappen, da klemmt die deutsche Sprache, singt die deutsche Sprache so melodisch, dass es mich dann nicht zwingt zu zittern. Es sei bloss meiner grosszügigen, doch fremden Tante feine Sprachenkunst: 'Ne noble baltendeutsche grosse Dame hat mich mit Erdbeeren und Schlagsahne gefüttert, nachdem ich hoch auf dem Stuhl Heines "Drei Grenadiere" rezitierte und später auf den Gartenboden mutig herabsprang. Mein' anwesende Mama hat auf paar Wort Deutsch mit der Gräfin Protestation eingetritten — ... dass alle Russen-Judenbengel überhaupt nicht so begabt sein, wie die's meint. Das hat mir einige Liebe für Poesie hinzugezüchtet, was ich beim Erdbeeren- und Schlagsahneessen spüre immer noch. Doch wusste damals nicht, dass ich bei Heines Judendeutschen nicht als Grenadier, aber als Jud und ohne Zuckersahne, selbst "schutz-gefangen" würde in Goethes Vernichtungs-KaZets. Die Erdbeeren der aristokratischen Dame auf dem Rigaer Strande ermöglichen mir nun zu poetisieren, seid mir nicht bös', es ist subkonszient — auf Rachendeutsch.

Du glaubst mein Freund, mein Menschenfresserfreund, das was gewesen ist, ist nicht mehr? Mein Vater, möge er gut ruhen, sagte pensive zu sich, in meiner Anwesenheit jedoch, damit es meine Eier rühre: "S'ist alz a Cholem." (Traum) Er folgte nie dieser apatethischen Versündigung, er war, wie er sagte: "Gross-Fabrikant." Er irrte sich. Was ist geschehen-und-gewesen, das verschwindet nie. Das lebt forever darling, auf unerreichbaren Höhen oder tief, in dem Seelenschmiehl. Und kommt immer zurück und klopft schön an der Hirnestür. Und falls gerade nicht bei mir, dann bei Dir-und-Dir, und dem verwesten Dir-und-Dir-und-Mir. Soviel denn für "verstehen", nicht verstellen.

Die schwer bandagierte deutsche Sprache klopft nun an der Seelentür bei mir. Die will wieder hinein. Die gibt mir heut'...ein Butterbrot, das eine "freie" deutsche Arbeitsmagd bei einer Politurmaschine in dem Poltewerk in Magdeburg des Lagers Buchenwald für mich hinterliess ... Und sie war schön und blond und sie sprach nie ein Wort (nur, weil es verboten war?), hatte wahrscheinlich nicht den Mut, weil sie sogleich, wie sie im Dröhnen der Fabrik entstand, wieder verschwand ... und mir die Politurmaschine für Granaten somitbei vererbte. Es war ein ausserordentlich grosses Stück Gold, das Butterbrot, bebuttert mit wahrer Ersatzmargarine ... und hatte mir vielleicht den Mut gegeben, von dann ab freiwillig zu schleifen, auch wenn meine Geschütze, zwecks Mangel an Dynamit, öfters als nicht, das Ziel verschleifen; ich schiesse immerhin, vielleicht wegen der Erdbeeren und des Margarinebrötchens — und hoffe wahre Butterbrote, Kuchen mit Erdbeeren und Sahne, nunbei auf eurer Sprache Deutsch zu verschiessen, nicht zu verscheissen.

Mein Rassenlandsmann Heinrich Heine flüstert mir ins Ohr: "Mein Grosspappi und Grossmammie haben Alpendeutsch auch nicht gekannt, keine Furcht! Steig auf die Gartenbank herauf und pfurze, laut! S'ist solch a Zeit", sagt er, "dass man muss stünkeln mit Gewissen!" Ich bin wieder bereit. Der andere schnurrbartete SS-Heinrich hat mich glücklicherweis' verpasst. "Doch schreibt mir liebehaft ins Ohr, was ich zu sagen hab, damit ich dir und deiner deutschen Sprachkunst kein Schwörerei antue!", sag ich zum akademisch-alten Heinrich Heine.

Das Butterbrot, das so einst geschmeckt, drückt meine Brust wie die Leichen, die Margarine wird von verseiften Ameisen gefressen, und Erdbeeren spucken aus meinem Maul wie Vauzwei-Vergeltungswaffen — auf Deutsch, in die Allherrlich-Ewigkeit. Chagall, aus meines Vaters Witebsk stammend, ist heute — dead! — Wir brauchen neugeboren fünfjährig' Genien-Russen-Judenbengel! Und wieder einmal — mich!

Väterchen Stalin hilft mir rauf auf die Gartenbank. Er wusste damals nicht, er würde seinen Leibessohn (... auch seinen Sohn, mich) als Grenadier in der Gefangenschaft, hät' feig ermordet wissen. Mein Mamma wurde auch erschossen, im gefror'nen Tannenwald. Was mit der Gräfin Baltendame geschah, weiss ich nicht. Und der mich eingeschlossen Heinrich Himmler hat seinen Selbstmord immernicht vollendet. Jedoch die andren Führer wurden von den Amerikanern und dem Papst nach Südamerika verführt zum Tango-Singen. Was mit der "freien" schönen deutschen Arbeitsproletin geschah, weiss ich auch nicht: Muss sie mal in Magdeburg unter den Trümmern versuchen zu lokalisieren. Ich hoffte doch damals ..., dass sie sich in mich dann verlieben würde, den beinah "muselmanischen" Leichnam. Und was den Stalin anstiess, wisst ihr doch ..., er starb und kommt nun stark mit der Faust zurück, in unser Stinkhaus. Er fühlt sich vorläufig noch ziemlich schwach. Ich hänge irgendwo, mit Hitlers Seele, im Berchtesgadener Gebirge. Der Heinrich Heine ist der einzige ununterbrochen lebt und isst für ewig Erdbeeren mit Sahne. Wie sie's — in der toten — Mame-Zunge sagen: "Rosinkes mit Mandlen."

 

[20. März 1985]

Der Meister stirbt.

Ich stehe sonun auf dem Ei
und balanciere mich auf Stelzen
 Sülzen —
doch der glückliche Dali hat es schon geschaffen
sein Leben vergeht nun.

 

[16. April 1985]

Des Nachts
steh ich
rum die
Flacksweiber
Mein Rotorooter-Scooter brüllt

Statt auf die Scheiben seifen, macht es
desnackts
Quadrille

Mein Seifeneifer schlägt den Mond,
wenn morgens dann die Elfen aufstehn
sind sie alle tot.

Die Alten, dickschwänzige Bäume,
schlagen sich steif
im Wollust
Zorne.

 

[17. April 1985]

Was ist das Symbol der West-Schweinerei?

Das Schweinefräuchen, natürlich, dasselbe das ist abgebildet auf Magazinendeckeln, mit Maul, aus dem verstöhnt mit Saugepumpen, die nasse Stinksheit-Wollust.

In einem widrigeren Masse, die noble Kunstes Filmaktrisse, die ausschaut scheu, nur ist beschmutzt mit Hochkunst-Syphilise.

Warum wehen sie dann ihre Fahnen so offensichtlich? Das Sau-Schuld-Komplex, als heiliges Symbol, soll doch intim im Eierstock verborgen sein.

Doch nein — , die sich aufopfernden Christianer hielten das Kreuz hoch, obwohl es schrecksam und gefährlich war.

Das Schweinsweib-LippenMemorial verbirgt gar nichts: und saugt alluns, in den parfüm-stunken Säuretopf hinein.

Die einzige Abwehr hier gilt, ist sich hinlegen, und aus den doppelt-knallrot Münden, zu bepisst sein.

 

[22. Dezember 1985]

Die grossen Künstler existieren ja in ihrem Schleim
— "Mooresbrüder"
Die Schönheit die ist Wahrheit
haben sie in unverknüpfter Einfachheit
weisswölkig gegen Blau des Himmels
in KaZets gesehen.

Nicht so, wie in Museen —
wo man keinen Schleim zu fressen kriegt.

Das ist doch vielleicht alles Melancholia,
nach dem Guten/Toten.
Da´s überlebt ist,
hängt man sich auf, die schleimig scheinheilig Medaille.

Ich bin so schrecklich hungrig,
doch schlucken kann ich nur noch guten Strassenschleim.
Das gibt es nicht, in Konditoreien,
entgegen Kunstschund zu verhandeln.

 

® https://text.no-art.info/de/lurie-geschriebigtes/texte-1985