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BRIEF AN BORIS LURIE

Von Wolf Vostell

Publiziert in: linkNO!, Ausstellungskatalog, Berlin 1995

Lieber Boris!
Schalom. Willkommen in Berlin! Wie geht es dir? Gerade habe ich mir, auf dem Weg von Chinchon nach Oropesa de Toledo, ein Kistchen Coiba Siglo IV gekauft (Cuba-Zigarren seit 1492), denn in Spanien ist Rauchen noch nicht verboten. Die meisten schönen Frauen auf diesem Weg haben lachende Gesichter, und es sind 36 Grad bei klarem Licht. Wir sind 503 Jahre nach der Expulsion der Juden aus Spanien, und es ist hier die Art, dass sich keiner mehr damit beschäftigt, im Gegensatz jedoch zu den Betroffenen. In den intellektuellen Kreisen möchte irgendwie jeder von den Sephardies abstammen, was auch für gewisse Dörfer zutrifft, in denen Juden blieben. Erinnern wir uns an das königliche Dekret, 1492 im Jahr der Entdeckung Amerikas, entweder auswandern, konvertieren oder Todesstrafe
Wie das in Deutschland 503 Jahre nach dem Holocaust aussehen wird, weiß ich auch nicht. Auf jeden Fall, 50 Jahre danach ist Deutschland nach wie vor ein heikles Terrain, was Toleranz anbelangt. Der rassistische Wahnsinn springt über auf ästhetische Intoleranz (Skulpturenboulevard Berlin 1987), was daran liegt, dass große Gruppen der Bevölkerung die Idee der Moderne und der Avantgarde in der Kunst des XX. Jahrhunderts ablehnen (auch schon vor 1933). Fax, Video und CD-Rom lieben sie natürlich. Ich habe den Verdacht, dass viele Bürger gerne den Begriff "entartete Kunst" für das, was ihnen nicht schmeckt, wieder benutzen würden; würde dieses Zitat sie nicht in ihren Ansichten decouvrieren. Leider habe ich auch 1963 in New York die feindliche Erfahrung und Anhörung machen müssen, die Dir und der NO!art entgegenbracht wurde (gegen Fluxus ebenfalls). Selbstverständlich war die Kritik immer für Pop-Art und gegen alles, was den "American Way of Life" störte. Lieber Boris, wie sollte es auch anders sein? Hinzu kam auch noch die Ignoranz gegenüber der europäischen kritischen Kunst und deren Einfluss in New York. Du weißt, es ging soweit, dass Rauschenberg sich gar nicht mehr an DADA erinnern konnte. Die eigentlichen Quellen in der Kunst zu verleugnen, ist in Europa unmöglich, und deshalb ist die Situation anders als in New York, wo der Kunstmarkt sich selbst hypnotisiert, indem er glauben macht, die amerikanischen Avantgarden seien ohne Europa entstanden
Das Problem hier ist, obwohl die kritischen Künstler nicht geliebt werden, werden sie doch respektiert, solange sie nicht beanspruchen, in ihrer Wirkung stärker und relevanter zu sein als die formalen Setzungen, wie etwa von Malewitsch, Mondrian oder Yves Klein. Deutsch-licher gesagt, alle Maler mit "bösem", aufklärerischem und dialektischem Bildmaterial, auch international gesehen, werden es in Deutschland immer sehr schwer haben. Wer sollte denn das alles sammeln? Das psychologische Erscheinungsbild der Sammler hier ist dasselbe wie in New York. Warum sollten sie ihre schönen Häuser vollhängen mit Aufklärung, Konzepten, Mahnmalen und Erinnerung an die desaströse Geschichte im XX. Jahrhundert?
Die ästhetische Qualität wird erst gar nicht beurteilt, das politisierte Bildthema dient stets als Vorwand, nicht weiter zu sehen oder komplexer zu denken. Deshalb hast Du es schwer in den U.S.A. und wirst es in Berlin schwer haben, bis auf einen Lichtblick, den es immer gibt. Ich wünsche Dir einen angemessenen Platz in der neuen Sammlung "Zeitgenössische Kunst gegen das Vergessen" im Jüdischen Museum, Berlin. Dort hätte Deine Leistung, Dein Aufschrei, Deine Rebellion als Malerei, einen außerordentlichen Sinn!
Inzwischen blicke ich wieder auf den spanischen Sand, der sofort an die Kunst erinnert. Denke an El Greco, Velazquez, Goya und "Guernica" von Picasso. Gut, in Berlin würde ich beim Treten in eine Wasserpfütze sofort an Grünewald, Bosch oder Heartfield denken. Salud, Mazeltov und abrazos para ti Boris.
Dein Wolf Vostell
Spanien, im Mai 1995

WOLF VOSTELL: *1932 in Leverkusen — † 1998 in Berlin. Er war einer der wichtigsten deutscher Maler, Bildhauer und Happeningkünstler. Er gilt als einer der Pioniere des Environment, der Videokunst, des Happening und der Fluxus-Bewegung. Techniken wie die Verwischung oder die Dé-coll/age sind ebenso ein Kennzeichen der Werke von Wolf Vostell wie das Einbetonieren. Er war der erste Künstler, der einen Fernseher in ein Kunstwerk integrierte (1958). Frühe Werke mit Fernsehern sind auch Transmigracion I-III aus dem Jahre 1958 und sein Elektronischer Happeningraum 1969. Auto-Beton-Skulpturen von Vostell stehen u.a. in Köln und Berlin (Beton Cadillacs).  |  linkMEMO

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