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ZUVIEL BLUT AUF DEN BILDERN

Von Wolf Vostell (1977)

Publiziert in: linkLurie, Boris; Krim, Seymour: NO!art, Köln 1988

Als im Jahre 1976 die Nationalgalerie in West-Berlin eine große Ausstellung gestaltete mit dem Titel: "Kunst von 1945 bis Heute - Kunst aus den USA in europäischen Sammlungen", konnte man weder Sam Goodman noch Boris Lurie vertreten finden. Selbstverständlich könnte man auch die Gegenfrage stellen und wir erhielten das gleiche Resultat beim umgekehrten Weg, denn in keinem amerikanischen Museum befindet sich eine Arbeit von Vostell. So ist der Stand der Dinge 1977. Als ich zum ersten Mai 1963 in New York in der Smolin Galerie ausstellte, kamen sinnigerweise zusammen Claes Oldenburg und Andy Warhol einen Tag vor Eröffnung der Galerie. Mit einem AAHHH.. .äußerte sich Warhol mit großem Erstaunen und Verwunderung über das, was er von mir sah.
Die Kritiker in der Stadt aber lamentierten: Ja, man muss das Photo pure verwenden als Fundstück, wie Warhol - ohne persönlichen Kommentar. So etwa wie Duchamp seine Objects Trouves rein belassen hat, nicht so wie Du oder Lurie, die Photos kommentieren oder mit Kriterien noch aufladen. Zur gleichen Zeit lernte ich dann Boris Lurie kennen - etwas später durch ihn Sam Goodman. Es war allzu natürlich, dass sich eine Begegnung ergab, weil wir am selben Thema, an der gleichen Ausdrucksweise arbeiteten. Folgerichtig blieb der Kontakt mit den Pop-Stars aus.
Und heute,  15 Jahre später, weiß man warum: Warhol überarbeitet heute seine Photos und macht seine persönlichen Eingriffe auf ihnen wie Legionen mit ihm. Allerdings seine Gefolgschaft ist leiser geworden, wenn auch vorsichtiger in der Behauptung, er hätte neue Methoden des Bildnerischen entwickelt. Jackson McLow erzählte mir mal, dass Andy Anfang der sechziger Jahre in N.Y. herumlief, sich alles ansah - schweigend versteht sich - auch Jacksons Konzept kannte, eine Filmkamera einen ganzen Tag lang auf einen Baum zu richten. Leider führte Jackson dieses FLUXUS-Stück nicht aus. Die Fälle ähneln sich: NO!art und FLUXUS unbeliebt wegen ihrer Intransigenz in New York und dieselbe Frage bleibt 1963 ebenso unbeantwortet wie immer noch 1977. Welches ist die amerikanische Kunst? Wer sind ihre wirklichen Innovatoren? - Wenn also die New Yorker Kunsthistoriker so eindeutig die affirmativen  Künstler in den USA favorisieren - von den europäischen ganz zu schweigen -, muss diese Frage immer wieder mit Nachdruck gestellt werden. Ist die Dialektik in Luries Werken unbeliebt europäisch und wirkt das, was er in New York macht immer wieder so, als wenn er dem Betrachter raten würde: "Geh mal zum Psychiater!" Na und? Und wenn es so wäre? Es ist unverständlich, warum es in New York nicht als bildnerische Qualität erkannt wird, wenn Lurie und Goodman das Gedächtnis ihrer Zivilisation darstellen, auffrischen oder inszenieren, wie etwa in dem großen Sarg-Environment im Village, "American Way of Death" von Sam als es noch keine Kienholz-Räume gab. Kühl und faszinierend, etwa zehn Luxus-Särge mit allen Schikanen des "American Way of Life" . Nicht vulgär, sondern aussagestark in der Eigendarstellung, jedoch weit entfernt von dem Optimismus der Frohnaturen-Pop-Produktion, deren Werke die tragische Komponente des Lebens nicht beinhalten.
John Cage sagte einmal in einem Vortrag Anfang der siebziger Jahre sinngemäß " ... mit Logik und Vernunft ist der Politik nicht beizukommen, ... wir sollten als Künstler unseren Regierungen mehr NONSENS anbieten, damit sie aufwachen". Genau das tut Boris Lurie, er stellt auf Bildern nicht mehr dar, was ihm gefällt, wie etwa Warhol mit den Campbell-Dosen, die ihm dem Macher, durchaus gefallen können, warum auch nicht. Boris' Gewissen und seine eigene empirische Erfahrung bestimmen seine Künstlerpersönlichkeit und er stellt nicht nur fest, sondern klagt zum Beispiel das Vernichtungswerk Hitlers an mit Bildwerken, so wie er auch jedes andere Werk kritisiert, welches die Menschenrechte verweigert oder eingrenzt ... und das genau, das ist zu viel. Too much ... für die Kunstszene, zuviel Blut auf den Bildern. Warum aber? ... bleibt die Frage an die Kunst-Party Gäste. Kunst ist eben keine Gemütsbewegung, das kann man bei Leonardo oder bei Goya lernen! Allerdings lässt das New York kalt, man fängt eben heute an zu leben. Sollte das Erschrecken und das Verschweigen der kritischen Avantgarde in den USA andauern, ergibt sich für die Theorie-Diskussion in Europa Zeit, eine starke Produktion, ja ich meine, eine starke Kunst aufzubauen, die die einzige Antwort sein kann. Die Stunden sind sowieso gezählt, da das Museum of Modern Art das GUERNICA-Bild an Spanien zurückgeben muss. Es gehört den europäischen Künstlern, die in dieser Linie weiterarbeiten. - Wenn das Museum of Modern Art die NO!art ignoriert, hat es auch GUERNICA nicht verdient. Ich glaube, Picasso stimmt mir zu; denn er sagte einmal in einem seiner Aphorismen:

"No hay que tomar la   pintura como un arte, sine como una regla vidal"
"Die Malerei nicht als Kunst ansehen, sondern als Lebensregel!"

WOLF VOSTELL: *1932 in Leverkusen — † 1998 in Berlin. Er war einer der wichtigsten deutscher Maler, Bildhauer und Happeningkünstler. Er gilt als einer der Pioniere des Environment, der Videokunst, des Happening und der Fluxus-Bewegung. Techniken wie die Verwischung oder die Dé-coll/age sind ebenso ein Kennzeichen der Werke von Wolf Vostell wie das Einbetonieren. Er war der erste Künstler, der einen Fernseher in ein Kunstwerk integrierte (1958). Frühe Werke mit Fernsehern sind auch Transmigracion I-III aus dem Jahre 1958 und sein Elektronischer Happeningraum 1969. Auto-Beton-Skulpturen von Vostell stehen u.a. in Köln und Berlin (Beton Cadillacs).  |  linkMEMO

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