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EINEM NEUEN HUMANISMUS ENTGEGEN

Von Jean Toche (1970)

Publiziert in: linkLurie, Boris; Krim, Seymour: NO!art, Köln 1988

Kunst ist schuld am schlimmsten Verbrechen gegen die Menschheit: dem Schweigen. Kunst befriedigt sich darin, eine ästhetische Maschinerie zu sein. Sie begnügt sich mit sich selbst und ihrer sogenannten Geschichte. Sie stellt tatsächlich das wichtigste Instrument dar, mit dem unsere repressive Gesellschaft ihr eigenes Image idealisiert. Kunst wird heute dazu missbraucht, die Menschen von der Bedeutung ihrer eigenen Krise abzulenken. Kunst wird heute dazu missbraucht, die Leute dahin zu bringen, das Big Business und seine Unterdrückung leichter zu schlucken. Museen und kulturelle Einrichtungen sind die heiligen Tempel, in denen die Künstler, die sich darauf eingelassen haben, heilig gesprochen werden. Kunst ist heute das höchste Symbol für den unmenschlichen Prozess der Geschäftemacherei. Wenn die Kunst die Unterdrückung unserer Gesellschaft zeigt, wird sie ohnehin unterdrückt. Die Künstler sind zu Clowns der Gesellschaftsmanipulatoren geworden. Durch die Enthumanisierung ist die Kunst leblos geworden. In den meisten Künsten wird die wahre Substanz des Gefühls heute vorsätzlich weggelassen. Unterdrückung des Gefühls statt Ausdruck des Gefühls!
Was denken Sie überhaupt, was Kunst ist? Ist es eine Art von mystischer Ware, die auf dem Markt gehandelt und von der Polizei bewacht wird? Wie kommt es, daß Kunst Polizeischutz braucht? Nur „Wertvolles" wird von der Polizei beschützt, oder Eigentum und Geld. Gehört die Kunst dazu? Ist Besitz mehr Wert als Leben und Freiheit? Sollte Kunst sich nicht eher auf Leben und Freiheit beziehen als auf Besitz? Sollte der Künstler sich nicht mit den Krisen des Gefühls, mit der Seele und der Moral beschäftigen? Mit den Krisen, mit denen wir alle zu tun haben? Wie kann ein Künstler relevant sein, wenn seine Kunst sich nur mit dem Kunstgeschäft beschäftigt? Können wir uns denn nur für einen breiten weißen Streifen auf einer weißen Leinwand interessieren, für die gigantische Plastik einer Dollarnote, für ästhetische Beziehungen von farbigen Metallplatten zum Fußboden, für das Konzept mit den Eisenbahnschienen, die nirgendwohin in die Wüste führen, während Songmys und Fred Hampton vor unseren Augen hingemetzelt werden?
Lasst uns keinen Fehler machen. Der Künstler ist genauso schuldig wie der Geschäftsmann. Durch die Herstellung der Kunst als Ware ist der Künstler selbst zum Geschäftsmann geworden. Um seine Ware zu vermarkten und ihren Wert zu steigern, muss er einen Mythos für sich und seine Arbeit erfinden. Durch die Galerie wird die Ware verteilt. Das Museum sanktioniert den Künstler und auch die Ware. Der Sammler ist der Börsenspekulant. Die Chefs der Unternehmen verwenden diese Ware, um ihr Image aufzustylen. Die Kunstzeitschriften sind die Handelsblätter, die Finanzberichte der Kunstwelt. Und der Kritiker erfüllt die Funktion der „rechten Hand" für alle ... Der Künstler hat sich dahin entwickelt, dass er zuerst den Sammlern Objekte verkauft hat, um dann kostspielige technische Environments auszuführen. Sie wurden von Großunternehmen subventioniert, um deren Image aufzubessern. Schließlich verkauft der Künstler einfach Ideen zum Höchstgebot. Der Künstler ist zum Werbefachmann geworden, zum Geheimagenten des Business, um die Kultur zu unterwandern. Die Auffassung von Kunst als Ware ist schon so stark in der Gesellschaft verankert, dass Künstler heutzutage, ohne mit der Wimper zu zucken, finanzielle Unterstützungen von Großunternehmen und Regierungen akzeptieren, die Menschen manipulieren und zerstören. Ja, der Künstler ist genauso des Mordes schuldig wie der Geschäftsmann.

JEAN TOCHE: Geboren 1932 in Brügge (Belgien). In den frühen 70er Jahren gründete er zusammen mit Jon Hendricks in New York die GUERILLA ART ACTION GROUP. Organisierte mehrere Aktionen und Happenings, mit denen er das New Yorker Kunstestablishment angriff und provozierte. Er ist involviert in politischer Mail art und versendet Flugblattsammlungen unter dem Titel"OF PISS @ N'PUS". — Lebt in Staten Island (New York).  |  linkMEMO

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