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WIE EIN LEBEN IN DER EIGENEN KUNST

Ausstellung von Salmon/Lurie "optimistic-disease-facility"
in der Gedenkstätte Weimar-Buchenwald

Rezension

Publiziert in: Thüringer Allgemeine, Weimar, 30.08.2003

Es gibt kaum Fotos, wenige Interviews und noch seltenere Filmaufnahmen von ihm, keines seiner Bilder wurde je verkauft — die Weimarer Fotografin Naomi Tereza Salmon aber ließ der New Yorker NO!art-Künstler Boris Lurie so nah an sich heran wie selten jemanden.
Weimar darf sich rühmen, 1998/99, zum Auftakt des Kulturstadtjahres, die erste Überblicksausstellung über das Werk des New Yorker NO!art-Mitbegründers Boris Lurie gezeigt zu haben. Der Künstler selbst betrachtete die Präsentation seiner in der Konfrontation von KZ-Gräuel, Pin-ups und jüdischem Selbstausdruck einmaligen Fotos und Collagen damals als Zugeständnis an einen eng mit der eigenen Biografie verbundenen Ort. Kaum 20-jährig, war der 1924 in Leningrad geborene und im deutsch-baltischen Kulturkreis Rigas aufgewachsene Lurie von den Nazis in ein Buchenwald-Außenlager bei Magdeburg deportiert worden. Nach dem Krieg wechselte er nach New York, wo er sich – ganz im Sinne von NO!art, einer Bewegung, die in den 50ern als Opposition zum Mainstream der Massenkultur und zur Kommerzialisierung der Kunst entstand – jedweder Öffentlichkeit verweigert. Seine damalige Aufgeschlossenheit, auch im Interview mit dieser Zeitung („Es gibt kein Credo", TA vom 19.12,1998), war also eine kleine Sensation. Die besonderen Umstände beförderten indes auch eine Künstlerfreundschaft, in deren Folge sich das Lebens- und Arbeitsumfeld des fast 80-Jährigen nunmehr auf besonders persönliche Weise vermittelt. Seit gestern zeigt die Gedenkstätte Buchenwald Arbeiten der Weimarer Fotografin Naomi Tereza Salmon. Diese ist Jahrgang 1965, geboren in Jerusalem. Als Künstlerin, die sich selbst immer wieder mit der KZ-Vergangenheit auseinandersetzt (etwa im Projekt „Asservate" mit Fotos von KZ-Fundstücken aus Archiven von Auschwitz, Buchenwald und Yad Vashem) und wohl auch als Angetraute des Gedenkstättendirektors Volkhard Knigge hatte sie das Vertrauen Luries gewonnen.
Zweimal besuchte sie den Alten seitdem in New York. Während er arbeitete, streifte sie mit Foto- und Videokamera durch Atelier und Wohnung, Gut ein Dutzend großformatiger Fotos offenbaren in der Ausstellung eine Lebenswelt, die in ihrer scheinbar chaotischen Verwirrtheit selbst wie eine der Collagen Luries anmutet. Besonders deutlich wird das oftmals stumme, aber Intensive Zwiegespräch zwischen beiden auf einer Aufnahme, die den Alten im Halbdunkel sitzend, selbstversunken über einem Stück Papier zeigt. Weitere 150 Fotos und ein 56-minütiges Video können per Computer abgerufen werden.
Sie wolle den oftmals Missverstandenen keineswegs entziffern, so Salmon, aber vielleicht zum besserem Verständnis beitragen und dem New Yorker so etwas von seiner Hermetik nehmen. Lurie selbst macht keinen Hehl daraus, die KZ-Vergangenheit wie auch den Tod von Mutter, Schwester und Freundin nie verwunden zu haben – auch das eine Erklärung für seine gelegentliche Schroffheit und Aggressivität. Zu den Fotos wurden Gedichte Luries über die Säulen des riesigen Ausstellungsraumes im zweiten, in den Originalzustand zurückversetzten Geschoss des ehemaligen Effektengebäudes (über der KZ-Dauerausstellung) verteilt, einige werden zudem über Kopfhörer rezitiert. hm

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