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NO!art

Ein amerikanisches psycho-soziologisches Phänomen

Von Emanuel K. Schwartz und Reta Shaknove-Schwartz (1973)

Publiziert in: linkLurie, Boris; Krim, Seymour: NO!art, Köln 1988

Untersucht man den gesellschaftlichen Zusammenhang, in dem NO!art entstand, muss man sich die Frage stellen, ob diese Art Kunstbewegung sich zu dieser Zeit in irgendeinem anderen zivilisierten Land hätte entwickeln können. Die Kultur der Vereinigten Staaten hat eine Tendenz, die Menschen einzuengen und zu beschränken. Der puritanische Schatten, der über dem ganzen Land hängt, ist begründet durch herrschende strenge religiöse und gesellschaftliche Kräfte, die sich mit dem Kampf um das Überleben gegen unberechenbare Mächte verbunden haben. Daraus entstand eine strenge Moral, die Schuldgefühle produziert. Doch das Großartige in diesem Land besteht auch darin, dass es möglich ist, innerhalb bestimmter Grenzen Widerspruch geltend zu machen.
Ein Kernproblem des Menschen ist und bleibt in diesem Zusammenhang der Konflikt zwischen Konformismus und Rebellion. Angenommen, dies sei ein ursprüngliches Kontinuum, dann kann man in weiten Teilen der amerikanischen Geschichte, bei ganzen Gesellschaftsgruppen oder bei einzelnen Persönlichkeiten, ob in der Kunst oder in verschiedenen gesellschaftlichen Einrichtungen, ein ständiges Hin- und Herschwanken, ein Oszillieren zwischen Rebellion und Unterwerfung beobachten. Der Hang zum Konformismus, nämlich den Spielregeln zu folgen, und die gesellschaftliche Anerkennung dieser Art von Unterwerfung sind typisch für die Einstellung des Amerikaners gegenüber dem einzelnen.
Was geschieht, wenn der Druck innerhalb der Gemeinschaft Konformismus und Gehorsam fordert? Der einzelne wird hin und her gerissen zwischen Gehorsam und dem Zorn über diesen Gehorsamszwang. Der einzelne unterwirft sich dem meistens und verlangt dann aber seinen Preis dafür. Er unterwirft sich und ist gleichzeitig voller Wut, Trotz und Zorn. Er versucht dann, seiner Unzufriedenheit Luft zu machen, aber vermeidet es, seine gesellschaftliche Stellung, seine Sicherheit oder seine Überlebenschance zu riskieren.
Die Erziehung zur Reinheit, die Betonung der Sauberkeit, der Ordnung und Selbstbeherrschung gehören zur Entwicklung eines jeden Individuums innerhalb der Gesellschaft. Wenn in diesen Bereichen zuviel Druck ausgeübt wird, entstehen bestimmte psychologische Probleme. Viel unterdrückter Zorn und ohnmächtiger Eigenwille spielen eine Rolle, wenn es darum geht, ob der Wille der Eltern das Kind zwingt nachzugeben oder ob der Wille des Kindes die Eltern dazu bringt nachzugeben. In der Erziehung zur Reinheit und Sauberkeit werden weitreichende Eigenheiten für das spätere Erwachsensein geprägt.
Die Erziehung zur Reinheit ist eine der aufschlussreichsten und persönlichkeitsbildensten Erfahrungen im Leben eines jeden Menschen. Im Kampf zwischen der Macht der Eltern, im allgemeinen der Mutter und dem hinter ihr stehenden Vater, der sozialen Gruppe und der Macht des Kindes wird der zukünftige Kampf um soziale Macht, wie er im späteren Leben ausgetragen wird, fixiert. Wer das moralische Vorrecht besitzt, ist der strittige Punkt, entweder die Eltern oder das Kind. Man kann beobachten, wie das Kind durch magisch-rituelle Anstrengungen versucht, mit der Mutter, dem Ursprung der Macht, fertig zu werden. Hier beginnt sich die Macht der Machtlosen zu verfestigen, d.h., das Kind beginnt durch Trotz, mittels "übler Tricks", durch Widerstand und Auflehnung aggressive Handlungen zu entwickeln.
In den Vereinigten Staaten, einem Mutterland laut den Anthropologen Geoffrey Gorer und Margaret Mead, ist die Macht nicht völlig autoritär. Unsere Kultur vereint zahlreiche Widersprüche. Man hat Respekt vor Unterschieden und Bedürfnissen, gleichzeitig erwartet man aber von jedem Konformität. In den USA ist es im allgemeinen nicht üblich, dass die Familie die absolute Autorität ausübt, der man sich völlig zu unterwerfen hat. Dem heranwachsenden Kind wird eher eine doppelte Moral vermittelt. Auf der einen Seite sagt man: "Sei erwachsen! Werde ein krasser Individualist! Lerne, für dich selbst zu denken! Wer sich selbst hilft, dem hilft Gott!" Auf der anderen Seite sagt man: "Sei folgsam! Sei rein und sauber! Folge den Geboten! Lerne, ein guter Staatsbürger zu werden! Lerne Zusammenarbeit! Spiele nach den Regeln! Fall nicht auf! Sei der Mann im grauen Flanellanzug!" Diese widersprüchlichen Anweisungen gestatten den Familienmitgliedern einen gewissen Spielraum, erlauben ein gelegentliches Nein! Doch diese Widersprüchlichkeit ermutigt auch zu Modebewusstsein, lässt Unsicherheit erwachsen und im äußersten Fall sogar Neurosen und Psychosen entstehen.
In diesem Kontext wird es etwas verständlicher, warum sich die NO!art als ästhetische Bewegung mit einheitlichem Programm gerade in den Vereinigten Staaten, d.h., besonders in New York, zwischen 1959 und 1964 entwickelt hat, und zwar als direkte Reaktion auf die McCarthy Ära mit dem Hinweis auf die bevorstehende "Kulturrevolution" der Jugend. Es wird immer noch allgemein angenommen, dass die Vereinigten Staaten ein Land sind, in dem Andersartigkeit toleriert, krasse Individualisten achtet und dem einzelnen das Recht zugesteht zu denken, zu fühlen, zu glauben, anders zu sein.
Kein Staatsbürger hier muss sich in das vorgegebene Schema fügen, wenn er bereit ist, die Folgen selbst zu tragen. Diese Rechte sind angeblich in den wichtigsten sozialen Gesetzen und Einrichtungen verbürgt. Aber das ist nur einer der vielen amerikanischen Mythen. McCarthy selbst und die McCarthy Hysterie waren so erschreckend, dass allen angesichts dieser Erkenntnis die Augen aufgingen. Es ist nämlich nur eine Illusion, wenn wir glauben, dass ein einzelner nachgeben oder rebellieren könnte, dass ein einzelner gleichzeitig abweichen und mitmachen könnte. Es gibt keinen Spielraum für ehrliche Meinungsverschiedenheiten, seien sie politischer, sozialer, persönlicher, religiöser oder ethnischer Natur.
Und noch ein anderer Mythos kollidierte mit der neuen Wirklichkeit. Man hatte immer geglaubt, der amerikanische Regierungsapparat sei durch Kontrolle und Ausgleich bestimmt, und zwar in der Art, dass einzelne Regierungsabteilungen einander absprechen würden wie etwa Vater und Mutter, wie Großmutter und Großvater. Man nahm an, wenn eine Abteilung vernunftwidrig handeln würde, die andere Abteilung das schon ausgliche und die Forderung nach Unterwerfung schon dämpfen würde. Dass dem nicht so war, war der zweite Schock während der McCarthy Ära. Kontrolle und Ausgleich funktionierten nicht. Es war also möglich, dass eine Nation wie die USA Abweichungen und Individualismen zerstörte.
Vielleicht gewinnen wir nicht nur im Bereich der Kunst sondern auch im Bereich unserer Gesellschaft einen Einblick in das Geschehen der letzten zwanzig Jahre seit der McCarthy Ära, wenn wir uns die jüngsten Jugendbewegungen vor Augen halten, die Generationslücken betrachten, die neuen Entwicklungen im Radio, im Fernsehen, in der Kunst, in der Musik, im Theatergeschehen beobachten, die Kleidung der Männer und Frauen sowie das Verhältnis der Geschlechter zueinander ansehen. Es ist nicht unsere Absicht, eine ausführliche "Kulturgeschichte" dieser Epoche zu schreiben. Wir wollen nur hervorheben, dass die NO!art sich in der Reaktion zum McCarthy Phänomen entwickelte. Zorn und Widerspruch waren die Reaktion. Man verachtete die Angst, unter der die Amerikaner zu der Zeit litten. Durchfall ist häufig ein Symptom, ein Äquivalent für Angst. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Anhänger des Widerspruchs ihre Werke NO!art oder SHIT!art nannten.
Die Diskussion der ästhetischen oder kunstgeschichtlichen Wurzeln dieser Bewegung sei anderen überlassen. Es genügt hier zu betonen, dass diese Künstler einen unbezwingbaren Drang hatten, die Gesellschaft in Frage zu stellen und NEIN! zu sagen - mit Großbuchstaben geschrieben -, und zwar auf die einfachste und höchst symbolischste Art und Weise, nämlich mit Scheiße. In einigen Werken konnte man sogar beobachten, dass ein großes NO quer über die Abbildung von Scheiße geschrieben war. Darüber hinaus gab es eine Scheiße-Ausstellung (SHIT-Show), in der Plastiken aus Pseudofäkalien geformt waren, und zwar so, als wenn alles echt gewesen wäre. Das erzeugte natürlich Reaktionen des Ekelns. Diese Art, sich durch die Kunst mitzuteilen, muss als Versuch verstanden werden, gegen die enormen Kräfte des Konformismus zu rebellieren und jeden Aspekt der bestehenden Gesellschaft anzugreifen. Einer Gesellschaft, die dazu neigt, das Andersartige, das Individuelle, das Nicht-Unterwürfige, das Entwicklungspotential in jedem zu leugnen und zu entmenschlichen. Diese Kunst wollte schockieren und unangenehme Erkenntnisse provozieren, um damit auf einer tieferen Ebene dem Bewusstsein aufklärend entgegenzutreten.
Vielleicht ist es interessant, einmal ein Register, eine Liste der Themenkreise zusammenzustellen, die man in den Arbeiten der Künstler dieser Bewegung finden kann. Achten wir darauf, mit welchen sozialen Einrichtungen sie sich beschäftigt haben! Mit welchen unmenschlichen Aspekten unserer Gesellschaft befassten sie sich am meisten? Welche Art von Unternehmung galt in ihren Augen als destruktiv und respektlos gegenüber Anständigkeit und Leben? Ihre Entscheidung war NEIN zu Reklame, Autos, Trübsinn, Schmutz, Aufrüstung, Mord, Radioaktivität, Völkermord, Freiheitsberaubung, Hunger, Pornographie, Religion und Ausbeutung jeglicher Art.
NO!art ist eigentlich die extreme Gegenbewegung zum McCarthyismus, der absolute Unterwürfigkeit verlangte. Die NO!Künstler sagen: "NEIN! Wir wollen rebellieren! Scheiß auf den Konformismus!" Sie schissen auf das Kunst-Spiel, auf Ästhetik, doch niemals wollten sie auf das Leben scheißen. Manchmal, so scheint es, taten sie in ihrer Verzweiflung auch das. Irgendwie wurde die Scheiße, die Verneinung, die Provokation wiederum zur Kunst, wurde zum Leben, wurde in ihrer Hoffnung in ein Selbstsein, in eine Selbstachtung, in ein Überleben verwandelt, und das in einer Welt, die sagte: "Der einzelne Mensch kann nicht überleben, es sei denn, er gibt seine Menschlichkeit auf." Für die, die sich mitten in der Revolution befanden, galt der Widerspruch als höchste Pflicht.

EMANUEL K. SCHWARTZ und RETA SHAKNOVE-SCHWARTZ: Dr. E.K. Schwartz (gestorben 1975), war viele Jahre lang ein führender Geist an dem bekannten Institut für Psychotherapie in New York; zusammen mit sreiner Frau, Reta Shaknove-Schwartz, veröffentlichte er zahlreiche Beiträge über Psychologie und verwandte Themen.

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