mehr InformationenKÜNSTLER + MANIPULATION + INFO + SHARE + MAIL NAVIGATION INDEX
NO!art statements <<< | >>>
Geschriebenes suchen und finden im NO!art-Archiv

DEN STIER BEI DEN HÖRNERN PACKEN!

Von Harold Rosenberg (1974)

in: Art and Other Serious Matters, Chicago and London: University of Chicago Press, 1985, p. 19.
Lurie, Boris; Krim, Seymour: NO!art, Köln 1988

Man wird krank an "radikalen" Künstlern, die harmlose Collagen von siebgedruckten Zeitungsausschnitten herstellen - erschreckende Überschriften, elektrische Stühle, Leichname - und sich einbilden, einen Schlag gegen die Gesellschaft zu führen. Alles, was sie zu sagen haben, ist: Sie haben die Zeitung gelesen, vornehmlich die Bildchen, und Wege gefunden, sie für die Kunst zu verwenden. Es ist wirklich nicht sehr radikal zu wissen, dass zwei Kennedys umgebracht wurden, und dass Marilyn Monroe einen appelativischen Mund hat. Vielleicht fühlt sich diese Kunst heroisch, weil sie sich einer so niedrig gradigen Information ausgesetzt hat, anstatt über die Kontinuität der Bildebene und die Entdeckung, dass Malerei in Farben daherkommt, zu meditieren.
Wahre Perzeption sozialer Realität und begleitende grimmige Gefühle lassen sich Kritiker, Kuratoren und Sammler, die vor allem friedliches Vergnügen an Kunstschätzen suchen, nicht recht gefallen - und so bezieht sich die "ungebrochene Kontinuität" nicht nur auf die Bildebene, sondern auch auf den Kunstmarkt und auf heutige Arbeiten, die die Meisterwerke der Vergangenheit verwenden. Was ist die zeitgenössische Kunstwelt anderes als das unerlaubte Einverständnis unter seinen Teilen, die Kunst in eine Sonntagsausgabe des Lebens zu verkehren, unbelästigt von den Neuigkeiten der Woche?

Die Maßeinheit der Avantgardekunst ist:
1. Der Hitzegrad, der in der Kritik an Gesellschaft und Kultur registriert wird, und
2. der Mittelpunkt wäre die Zielscheibe, auf die sich die Kritik bezieht.
Ich denke, für die NO!art passt das
1. sehr gut, weniger gut jedoch
2. (beiläufig denke ich, NO!art ist eine schlechte Bezeichnung, da sie den Eindruck erweckt, es bedeute "ohne Kunst", wohingegen die bessere Bedeutung "Verneinungskunst" oder "Negativkunst" ist) in der Temperatur ihrer Reaktion auf das zeitgenössische Amerika sind die NO!künstler die legitimen Erben von DADA, jedoch ohne die Slapstick-Wildheit der alten Knaben. Auf alle Fälle, sie zeigten eine natürliche Feindseligkeit, Pop und Post-DADA zu kühlen und zu glätten - Rauschenberg, Lichtenstein und andere hausgeübte Kätzchen.
Für einen Künstler ist es nicht leicht, beharrlich negativ zu sein. Bei abledern, man wird zu einem Künstler durch einen Ausbruch der Bewunderung für ein Kunstwerk. Nein zur Kunst vermittelst der Kunst zu sagen, erfordert zu aller erst ein Nein zu jener transformierenden Erfahrung. Ich rede darüber, einen Gott zu schlachten - oder einen Engel, Gottes Botschafter. Sollte etwas Geringeres in der NO!art enthalten sein, dann ist es ganz und gar Nichtkunst, und die moderne Gesellschaft ist voll davon.
Auf der anderen Seite, wenn das Nein absolut ist - mit Grundsätzen und sich nicht als religiöser oder politischer Schwur versteht - wird es automatisch zu einem Entwurf, einen Stil von Malerei mittels Propagierung sozialer Haltungen hineinzuschmuggeln.
Lurie, Goodman und Fisher und andere erstickten ihre ästhetischen Engel unter einem Müllhaufen von Medienbildem, die zu den Kategorien von Gewalt und Sexphantasie gehören. Zehn Jahre vor der documenta V nahmen sie diese voraus - es ist kein Wunder, dass die NO!art ihre Sache in einem Land gut macht, in dem eine internationale Ausstellung unter dem Slogan "Kunst ist überflüssig" veranstaltet wird und die einen Joseph Beuys offeriert. Lurie sagte in einem seiner Statements, dass er sich die in Massenauflagen gedruckten Bilder von großen Busen und Hintern vornübergebeugter Mädchen nicht aus dem Kopf schlagen konnte, bis er sie in seine Collagen entleerte. Die organischen Leckereien, die bei einem weiblichen Wesen eben mit in der Verpackung enthalten sind, steigerten die Fieberanfälle seiner Feindseligkeit gegen eine Gesellschaft, die gelernt hat, alle Nachfragen des Massenmarktes zu befriedigen - außer der Nachfrage nach ehrlicher Sexualität. Die Gesellschaft kann auf nationaler Basis nur Ersatz schaffen, nämlich Pin-ups. Wirkliches "Oben Ohne" und Knutschen zu festgesetzten Preisen wird von lokalen Aufsichtsbehörden überwacht. Man muss nicht unbedingt busengeil sein, um Levys Brot zu mögen und um mit dem Zorn von Goodman und Lurie zu sympathisieren.
Die NO!künstler besaßen den Vorteil, sich selbst mit Hass anheizen zu können. Die Frage ist nur, wie gut die Wahl ihrer Angriffspunkte war. Erstens, so scheint mir, stellt sich heraus, dass ihr Angriffsziel nicht die Gesellschaft, sondern die Kunstwelt war. Und die Kunstwelt kann nur vor die Hunde gehen, wenn die Gesellschaft vor die Hunde geht. NO!art stellt Pin-ups zur Schau, eine Art von Kunst, die - nach Luries Aussagen - zur Obsession werden kann. Von den Pin-ups geht die NO!art weiter über zu den Exkrementen, die sie in Vorwegnahme der Anti-Form-Skulpturen ausstellten.
Wo bleibt die radikale Kritik? In den Ausstellungen selbst? Ja! Nicht in den begleitenden Manifesten? Nackte Mädchen sind an Kunstgaleriewänden durchaus am rechten Platze. Sie um des Skandals willen ausstellen zu wollen, mit oder ohne Strapse, aus Pornomagazinen ausgeschnitten, würde den Sinn haben, dass sie den Armen und Ungebildeten vorenthalten werden sollen.
Scheiße ist auch kein radikales Phänomen, obwohl Rabelais ein Lobgedicht darüber als Beitrag zur humanistischen Revolution geschrieben hat. So reduziert sich die NO!-Botschaft auf die Behauptung, dass Pornographie und Scheiße zwar zu den Grundlagen des Lebens gehören, jedoch bisher noch nicht in den Galerien aufgetaucht sind. Statt dessen herrschen viel schlimmere Dinge in den Galerien vor und gelten dort als höchst respektabel. Mit Meisterwerken zu handeln, als wären sie diamantverzierte Scheiße ist doch kulturell zersetzender, als Scheiße auszustellen, so als wäre sie ein mit Diamanten verziertes Meisterwerk.
NO!art ist ein Echo auf die Mischung von Mist und Verbrechen, mit der die Massenmedien den Geist unserer Zeit überfluten. NO!art attackiert diese Mischung, indem sie diese in inhaltlich konzentrierten Bildern reproduziert. Sie ist Pop plus Gift. Ich glaube, ihre größte Bedeutung liegt darin, daß sie die Kunstwelt daran erinnerten, dass es auch unangenehme Tatsachen gibt. Die Pop-art hingegen schmeichelte sich in der Madison Ave so ein, als erwarte sie von ihr die Finanzierung eines Wahlkampfes. Zugegeben, die Leute laufen vor unangenehmen Mahnungen davon, an deren Sachlage sie sowieso nichts ändern können. Kunst kann da nur antworten: Lasst sie doch. Es ist nicht Aufgabe der Kunst, Probleme zu lösen, sondern die Realität auf die Tagesordnung zu bringen. Die Kunst ist seit dem Krieg a politisch, nicht weil die Künstler die Politik verabscheuten, sondern weil sie herausfanden, dass ein echter Künstler nur das tun kann, was in seinen Kräften steht und nicht das, wovon er denkt, er müsste es eigentlich tun.
Nebenbei gesagt, die Politik hat selbst schon jegliche Hoffnung auf eine bessere Welt aufgegeben. Der einzelne kann schreien, brüllen, aber niemand weiß, was man machen soll. Die Kunst allein kann die allgemeinen Lebensbedingungen nicht ändern. Und wenn die Kunst nur brüllt, wirft man ihr vor, die Kunst zugunsten schlechter Politik aufgegeben zu haben. Hat NO!art dies getan? Hat sie gefragt, wozu gute Kunst in der heutigen Welt dient? Für eine "Schweizer Investment-Gruppe"? Für eine "Japanisch-Amerikanische Gruppe, die Höchstpreise garantiert"?
NO!art ist in der Realität beheimatet, die auch von der selbstzerstörerischen Neuen Linken in den frühen 60er Jahren definiert wurde. Sie erklärten sich mit dem Bereich der Dinge einverstanden, die letztere attackiert wissen wollten, nämlich: Tyrannei, Dreck und ästhetische Heuchelei. Jedoch konnten sie keinen Beitrag zu einem neuen politischen Bewusstsein oder einer rebellischen Sensibilität beisteuern. Die March Galerie konnte lediglich Krach machen, um die bösen Geister zu vertreiben. Und: Den Stier bei den Hörnern packen, auf die Gefahr hin, ebenfalls in den Dreck gezogen zu werden.
Einige Fragen als Anhang:
1. Wird die NO!art in die Kunstgeschichte aufgenommen werden?
2. Will sie das?
3. Werden von Marlboro, Pace und Castelli Shit-Multiples hergestellt werden, um dieser Episode der Kunstgeschichte zu gedenken?
4. Werden die Nationale Kunststiftung (National Endowment for the Arts) und der New Yorker Staatsrat für die Künste (New York State Council for the Arts) eine retrospektive Shit-Show veranstalten?
5. Wäre das nicht der Fall, ist das dann als eine Fälschung der Kunstgeschichte anzusehen?
6. Wie sieht das mit anderen Künstlern aus, die auch existierten, jedoch von der Kunstgeschichte ausgelassen wurden?

HAROLD ROSENBERG: Analysierte und kritisierte Kunst mit hemmungsloser Progressivität; Autor zahlreicher Bücher und Essays; als Kunstkritiker beeinflusste er die Publizierung des New Yorker Abstrakten Expressionismus und die Prägung des Begriffs Action Art; war Kunstkritiker beim New Yorker.

©  http://text.no-art.info/de/rosenberg_stier.html