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EINLEITUNG ZUR NO!art-ANTHOLOGIE

Von Brian O'Doherty (1971)

Publiziert in: linkLurie, Boris; Krim, Seymour: NO!art, Köln 1988

Es ist äußerst schwierig, eine Kunstrichtung zu schaffen, die von der Kunstgeschichte stillschweigend Übergängen und von den Kunstzeitschriften abgelehnt wird, die die Sammler in Verlegenheit bringt und von den meisten Künstlern als Beleidigung empfunden wird. Boris Lurie, Sam Goodman und Stanley Fisher gelang es hingegen, mit ihren Aktivitäten in der March Galerie (New York) und später in der Gertrude Stein Galerie diese große Ablehnung zu erreichen.
Dieses Buch bringt nun einen Abschnitt jener sozial-ästhetischen Geschichte zu Bewusstsein, die ohne eine Veröffentlichung nicht bekannt würde.
Bereits gegen Ende der sechziger Jahre kann man sehen, worum es den Künstlern um Lurie, Goodman und Fisher ging: Erstens verletzten sie die gültigen Regeln, in dem sie gesellschaftliche Anliegen in den "ästhetischen Stil" - Abstrakter Expressionismus - einführten. Durch die Verwendung heruntergekommenen Materials - Schundjargon Übelster Art - in ihren Collagen ohne ästhetische Rücksichtnahme und Umformung, stellten sie sich jenen "akzeptierten" Künstlern entgegen, die Objekte und Fotografien in ihren Arbeiten verwendeten.
Zweitens versetzten sie ihre kategorische Ablehnung von Kunst zugunsten von Protest, Verneinung und Pessimismus in ein anderes, wenig begangenes Gebiet, wo eine Minorität gegen falsche Vornehmheit, ja selbst gegen Amerika protestierte. Dieser indianerhafte Anti-Amerikanismus ist sehr amerikanisch. Nur war er ungewöhnlich in den Jahren von 1959 bis 1964.
Und drittens bildeten die Mittel, durch die sie den Protest ausdrückten, wiederum eine eigene Sprache. Eine Sprache, die andere Jargons verwendete, etwa die Unmittelbarkeit des Plakates, Photos von Gräueltaten, Pin-ups - das Verkehrte an Miss Amerika -, Spielzeug und eine Sprache, die aus jenem Brevier der Abweichung schöpfte, und zwar aus dem "National Enquirer" - einem entscheidenden Einfluss auf viele amerikanische Künstler in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren, vergleichbar dem "Scientific America" von heute. Man kann ihre "Kunst" somit als frühe Vorläuferin der Underground-Presse ansehen sowie als Manifestation des Radikalismus der späten sechziger Jahre.
Ihre Zielscheiben waren meist allgemeiner Natur: Amerika, die Atombombe, die Gaskammer ... Einige hatten mehr individuelle Züge: Henry Cabot Lodge, der Inbegriff eines WASP, eines weißen, angelsächsischen und protestantischen Club-Diplomaten. Ziele also, die keine Möglichkeit fanden, den Protest in Aktionen zu verwandeln. Niemand erkannte damals die Wege, die in den späten sechziger Jahren offen da lagen: nämlich die Universitäten und die Massen pro teste auf der Straße. Auch war ihre Stoßkraft zur praktischen Aktion - es waren schließlich Künstler - immer fragwürdig.
Der schwerste und erfolgreichste Angriff auf die offizielle Kunstwelt war Goodmans und Luries Shit-Show in der Gertrude Stein Galerie (1964), wo Fäkalien nach strengen Regeln der Etikette eingeteilt wurden: locker und unstrukturiert bis fest und voluminös, von realistischen (mit Blut von Hämorrhoiden) bis zu eher abstrakten Figurationen. Die einzige Reaktion auf die Ausstellung war, soweit sie nicht ignoriert wurde, gedämpft sensationell. Es war ein vernichtender Angriff auf die zeitgenössische Kunstszene mit ihren allzu glatt ablaufenden Aufregungen.
Der grundsätzliche Pessimismus, der dahinter steht und hinter allen Tätigkeiten der Gruppe stand, ist ein vertrauter Zug in der amerikanischen Tradition der "Rothäute".
Es gibt hier viele Themen: der Zug zum Pessimismus und Anarchismus, die Zweideutigkeit der Kunst (wo die Kunst beginnt, hört der Protest auf und vice versa), der Antagonismus der Kunstszene, ihre Tätigkeiten als Brücke zwischen der existenziellen Krise und der Passivität der fünfziger Jahre und dem politisch wirksamen, organisierten Protest von heute.

BRIAN O’DOHERTY, 1928 in Irland geboren, emigrierte 1957 in die Vereinigten Staaten. Fünfzehn Jahre später brachten ihn Ereignisse im Norden Irlands dazu, offiziell seine Identität als Künstler zu wechseln. An einem Tag im Jahre 1972, der bekannt wurde als „Bloody Sunday“, marschierten Hunderte irischer Zivilisten in Derry im Stadtteil Bogside auf, um gegen die Verhaftung politischer Aktivisten zu protestieren. Britische Soldaten eröffneten das Feuer auf die Protestierenden. Dreizehn wurden getötet. Später im selben Jahr schwor O’Doherty im Project Art Center in Dublin vor 30 Zeugen und einem Notar, seine Kunstwerke mit dem Namen Patrick Irland zu signieren „bis es endlich soweit ist, dass die britische Militärpräsenz aus Nordirland verschwunden ist und allen Einwohnern ihr ziviles Recht gewährt wird.“ – Seine Romane sind „The Strange Case of Mademoiselle P.“ (New York, Pantheon, 1992); und „The Deposition of Father McGreevey“ (New York, Turtle Press, Books & Co., Helen Marx Books, 1999/London, Arcadia Press, 2000), das 2000 in der engeren Wahl war für den Booker Prize. Ebenfalls bekannt als der Künstler Patrick Ireland ist er Professor der Fine Arts and Media am Southampton College Campus der Long Island Universität. Eine größere rückblickende Ausstellung von O’Dohertys Arbeiten ist für das Frühjahr 2004 geplant in der Hugh Lane Gallery of Modern Art in Dublin mit weiteren Veranstaltungen in Europa und den USA. „Inside the White Cube“ (University of California Press, 1999) und „American Masters: The Voice and the Myth“ (New York, Random House, 1998) gehören ebenfalls zu den Arbeiten des Kunstkritikers und Historikers. Er lebt in New York City und im italienischen Todi.

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