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BORIS LURIE: GESCHRIEBIGTES/GEDICHTIGTES

Rezension von Regina Neumann

Publiziert in: Marburger Forum, Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart, Jg. 4 (2003), Heft 6

Ein schwieriges, ein kompliziertes, ein gewichtiges Buch (im wahrsten Sinne des Wortes: 1,5 kg!) liegt hier vor dem Leser. Es beginnt schon mit dem Titel von barocker Länge:
"Geschriebigtes-Gedichtigtes zu der Ausstellung in der Gedenkstätte Weimar-Buchenwald von Boris Lurie. Ergänzt mit Arbeiten seiner Freunde aus der gegenwärtigen NO!art-Bewegung": es folgen 35 Namen.
Im Impressum wird auf die Ausstellung Luries: "Werke 1946 - 1998 vom 13. Dezember 1998 bis 10. Mai 1999" hingewiesen, die Anlass für die Herausgabe dieses Buches war. Zunächst handelt es sich also um eine Art Katalog, geht dann aber weit darüber hinaus. Diese Zwitterstellung zwischen Ausstellungs-Katalog, Text-Sammlung und Dokumentation der Kunstrichtung NO!art machen den Reiz, aber auch das Problem des Buches aus.
Denn das Buch enthält nicht nur Bilder und Texte Luries, sondern auch eine Auseinandersetzung mit seiner Kunst in einem einführenden Essay von Volkhard Knigge, dem Leiter der Gedenkstätte Weimar-Buchenwald, einem Interview des Künstlers durch seinen Freund und Mitherausgeber Dietmar Kirves und in mehreren "Kommentaren", die das bildnerische Werk auch dem interessierten Laien erschließen. Mit den Texten allerdings wird der Leser allein gelassen.
Boris Lurie, 1924 in Leningrad geboren, verlebt seine Kindheit in Riga, wird 1941 verhaftet und über die Lager in Riga, Lenta und Stutthof in ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald deportiert. Nach der Befreiung emigriert er mit seinem Vater in die Vereinigten Staaten. Seine Mutter, eine Schwester und weitere Verwandte waren in Vernichtungslagern ermordet worden.
In New York wird Lurie zum Künstler.
In seiner Kunst - Bildern und Texten - evoziert er das Erlittene. Zunächst greift Lurie auf die klassische Ölmalerei zurück, um das Grauen auszudrücken, scheint aber schon bald zu erfahren, dass diese nicht ausreicht, um die Singularität des Holocausts darzustellen. So entsteht NO!art - eine Kombination von Dada, Pop-Art, Collagen-Technik. NO!art "kämpft gegen die scheinheilige Intelligenz, gegen die Manipulation der Kultur, gegen die Konsumgesellschaft und gegen die fortschreitende Vereinheitlichung des Kunstenvironments" - so auf der Rückseite des Buchs. Anstößig wirkt dabei seine Kombination von Bildern aus Konzentrationslagern mit Pin-Up-Girls, mit Pornografischem und Obszönem, ja Ekel-Erregendem.
Etliche dieser Arbeiten sind in diesem Buch abgebildet. Allerdings kann der Schwarz-Weiß-Druck nur unzureichend Hinweise auf den Gesamt-Eindruck von Luries Bildern vermitteln; und ob es sich z.T. um Installationen handelt, kann man aus den Abbildungen nicht erkennen. Aber diese Abbildungen machen neugierig; man möchte die verstörenden Bilder im Original auf sich wirken lassen.
Ebenso ungewohnt wie die Bilder Luries sind seine Texte (1947 bis 1999, im Anhang bis 2001); überwiegend Gedichte, aber auch einige Prosa-Texte, gedruckt in fetten, gotischen Lettern, die die Bilder zu erdrücken scheinen. Diese Texte sind bisher nicht veröffentlicht worden, in ihnen versucht der Autor das Erlittene mit Hilfe der Sprache zu versinnbildlichen. In einer gebrochenen, zerbrochenen Ausdrucksweise wird deutlich, dass die Verfolgung ihn auch seiner ursprünglichen Sprache beraubt hat, des "Jenseits-Riga-Baltisch-Jecken-Deutsch", das heute kaum einer mehr spricht.
Doch können überhaupt Worte ausdrücken, was es heißt, wenn ein Mensch gedemütigt, gequält, geschunden, gefoltert wird? Und das Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr? Lurie versucht es, fügt Wortfetzen, scheinbar Unzusammenhängendes zusammen, spielt mit Sprache, erfindet Neuschöpfungen, die sich nur schwer analytisch erschließen, nur als Gesamteindruck Erfahrungen anklingen lassen.
Es ist dem Leser übertragen, das Gelesene zu entschlüsseln, die Erfahrungen nachzuvollziehen. So schwer zunächst Luries Sprache zu verstehen ist - wer sich auf sie einlässt, den zieht sie in den Bann. Lohnend ist dabei, die Gedichte laut zu sprechen - der Klang lässt Verbindungen herstellen, die beim stillen Lesen eher verborgen bleiben. Deutlich wird, dass die verstörenden Erfahrungen auch nach1945 den Dichter sein Leben lang begleiten und verfolgen.

Ich schreibe an das Archivat
dass mir die Mütter
nummerieren werden
dazu damit mit Einzugsbrief
die Väter/Alten
um-signalisiert
benommen werden
und schönheitshalber
die Listen
ungehämmert
auf zinkeren Stinkplatten
Heimwärts
Heim-Werts
ausgeschaltet werden

(S.103) [9. Juni 1997]

Und wenn die Stunde schlägt
die Wolken schrecken bei
auf Katzenbuckeln
der Häuschen Augen
brechen zu den Knieen
und Zweige Winterbäume
klatschen dürren Händen
keinmal aufwiedersehen -
der Schnee begleitet winselnd zitternd
des Grössten der Poeten Epopäe.

(S. 162) [3. August 1997

Die kalte Luft
drängt sich
durch diese ungehobelt Bretter-Spalten.
Weisst du
was philosophisch so-gesprochen
Was Kälte ist?

(S. 178) [5. Mai 1998]

Wienun die schwarzen Erden uns nach oben heben
trostloses Hum-drum in die Steine wehet
Der Ohrwecker, hat den Alarm vergessen zu verstehen
Das Laken ist vergossen von Bestehen
Der Magen ist so voll, von Tage, Unverdautem -
man felsenartig auf den tiefloch-Höhen, drauf besteht
mit Uhren in dem Maul - ein trunken Ghetto-Pferd
auf Bluthauptstrasse,
den Wagen von Karotten nachzuziehen.

(S. 251) [22. November 1998]

Im KaZet-Leben steht hervor
der Einzig-Jude
junger hagrer hochgewachsner Mann
schwarz-hochsteht er die Säule,
hinauf zur niedrig Oberlage
- und kein mehr Schwarzbebartet'! -
der in Tumult von Wirbel
Morgens Waschsraums Stutthofer Baracke
schaukelnd
sogar vielleicht mit Riemen um die Finger
und die Hand und linken Arm gefesselt
- Klotz am Stirn:
alleine betet.

(S. 293) 30. Dezember 1998]

Es ist ja nicht so schlimm, er will sie ja nicht töten
nur doch ficken.
Und es ist schlecht. -
ER -
will sie gar nicht ficken, nur töten.

(S. 299) [22. April 2000]

Man will alleine ewig nicht im Weltall purzeln
- GOTT! gib mir doch Deine Kette rum die Hand!

(S. 439) [22. April 2000]

Der Künstler muss malen.
Die Kuh muss grasen.
Und ich, auf dem verdeckten Rasen
sollte, mich fütternd
grausam rasend grasen.

(S. 439) [23. April 2000]

Mit diesen Texten lernt der Leser zu verstehen, warum sich Lurie dem Kunstbetrieb verschließt - er verkauft keine Bilder -, sondern auf diese Kunst, die sich den Marktgesetzen entzieht, als Lebens-Ausdruck angewiesen ist. Wer einmal als Ware missbraucht wurde, ist davon sein Leben lang geprägt.
Immer wieder überraschend ist die vergleichbare Technik in Malerei und Dichtung, mit der Lurie den Holocaust darzustellen versucht. Keine geschlossenen, zusammenhängenden Bilder (und wenn sie noch so grausam wären), sondern Fragmente, Zerbrochenes, Anstößiges wird zusammengefügt. Während allerdings die Bilder Distanz zu schaffen scheinen, dringen die Gedichte ein, wirken weniger zynisch, näher und bedrückender. Das Spielen mit dem Entsetzen ist in der kargen Sprache nicht mehr verhüllt. Auch Religiosität wird - so scheint es - in den Gedichten unmittelbarer ausgedrückt als in den Bildern: Sehnsucht nach Sinnstiftung in einer un-sinnigen Welt.
Der Zusammenhang und die gegenseitige Erhellung von Bildern und Texten bedarf einer gründlicheren Untersuchung, als es in einer Besprechung möglich ist.
So ist dieses Buch eine ganz eigene Auseinandersetzung mit dem Holocaust, die dem Leser viel abverlangt. Er muss sich einlassen, auf eine Erfahrung, die ihm erspart geblieben ist und ihn hoffentlich nie einholt.

ICH LEBE DESHALB
WEIL ES VORLAEUFIG NICHTS BESSERES GIBT.

(S. 276) [16. September 1998]

© by Regina Neumann, Marburg 2003.
©  http://text.no-art.info/de/neumann_lurie.html