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BORIS LURIE: GESCHRIEBIGTES/GEDICHTIGTES

Zu seiner Ausstellung in der Gedenkstätte Weimar-Buchenwald

Von Dr. Alexander Merfelder

Publiziert in: Wissenschaftlicher Literaturanzeiger, Gießen, 24.02.2005

Kennt man Boris Lurie nicht, verwirrt den Leser als Erstes sicher die Aufmachung des anzuzeigenden Buches: schwarz-gelb gehalten und ein an Fraktur angelehntes Schriftbild wollen überhaupt nicht zu einer aktuellen Veröffentlichung passen. Im Buch selbst dann Wort-Gewaltiges, doppeldeutig, sprachspielerisch; Bitteres. In den darinnen abgedruckten (durchweg schwarz-weiß gehaltenen) Bildern, Portraits und Installationsfotografien manifestiert sich die Grundhaltung des NO!art-Netzwerkes, in das Lurie eingewoben ist: „Wo ist die große künstlerische Tat? Nicht unbedingt, kaum, selten in der sogenannten Kunst“ (S. XI). Lurie kann aus diesem Verständnis heraus, Hitler einen „Künstler“ nennen. So gewährt der vom NS-Regime verfolgte, den Mordgruben (S. XVI) Entkommene seinem eigenen Verfolger einen dessen größter Wünsche: die Insassen und Opfer der Todeslager als „Happening“ (S. 10) oder „Flactar Ensemble“ (S. 12) „by Adolf Hitler“ (ebd.) als „Kunst-Akt“ zu verstehen und für uns Nachgeborenen überhaupt annähernd fassbar zu machen. Überhaupt schont NO!art seinen Betrachter nicht: Grausamkeit und Sexualität verschmelzen zu unsteuerbaren Grundhaltungen des Menschen, Tod als ökonomische Größe ist den Künstlern ebenso bewusst wie Werteausverkauf, Kriegslust und Blutrausch. Das Erschreckende angesichts so gestalteter Kunstwerke ist: man muß ihnen Recht geben. „Wo sollen wir die Aengste füllen / wenn Mutterknochen so / zersplittert sind“ (S. 119) schreibt Lurie für eine Welt, in der sich Menschen gegenüber dem Menschen fremd geworden sind, besser: sich ihre Menschlichkeit füreinander aufgekündigt haben. Lurie scheint den Nationalsozialismus nicht als Höhepunkt der gegenseitigen Unmenschlichkeit, sondern als seine Materialisierung und als Anfangspunkt herausgearbeitet zu haben. Hoffentlich irrt Lurie hier. Die „Evolution, die ihre Kinder verlässt“ (Arbeit von D. Kirves, S. 144) lässt sich vielleicht doch noch zurückhalten – die dafür nötige Sensibilisierung ist in NO!art in jedem Falle gelegt.
Das psychologische Prinzip, der Gewalt zu begegnen, indem man ihr quasi den Spiegel vorhält (die Tat als solche oder ihre Opfer) ist nicht unbedingt neu, aber durchaus erfolgreich; zwar sind die künstlerischen Ausdrucksformen in der NO!art-Bewegung zu divergent, um einheitliche Charakteristika erkennen zu lassen, sie prallen aber mit einer solchen Unmittelbarkeit auf den sich sicher gewähnten Betrachter ein, der Angst und Schauer verursacht. Unvorstellbarkeiten sind in Bilder gefasst worden und mit ihnen die Unfassbar- und Hilflosigkeit angesichts der sich Selbst-Entmenschlichung des Menschen, dadurch, dass er den Menschen nicht mehr im Werte eines Menschen sieht. Durch die Aberkennung des Menschsein anderer fällt diese Tat auf den Täter selbst zurück, der dadurch ebenfalls seine menschlichen Qualitäten verliert. Er wird selbst zum (hilflosen) Opfer seiner eigenen Tat. Diese komplexen Vorgänge in Kunst abzubilden ist Lurie und seinen Kollegen eindrucksvoll gelungen. Bild und hier erstveröffentlichte Texte des Kataloges haben einen „ungeschliffenen Ton“ (S. XV), an dem sich jeder unbedingt reiben sollte.

©  http://text.no-art.info/de/merfelder_lurie.html