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VERÖFFENTLICHUNG DER ERSTEN NO!art-ANTHOLOGIE

Rezension von Friedemann Malsch (1989)

Publiziert in: Kunstforum, Band 99, Köln, März/April 1989, S. 352-53

Und was ist, wenn die Bombe niemals losgeht? Was dann? Dann werden wieder harte Gespräche in den Planungsbüros geführt ... Was kann EINER machen? Ihr traut euch ja nicht. EINER kann Schluss machen! EINER kann auf den Knopfdrücken! Maulwürfe sind wir mit Trinkwasser in Dosen. Fünf Liter für sechs Mark. In der Tiefe begraben laufen wir im Kreis herum und verbieten es uns, Luft zu atmen...Ist die radioaktive Strahlung noch gefährlich? Wo sind die Messgeräte? Hat da jemand einen Witz gerissen? Hahaha....

Ein Text von Thomas Bernhard vielleicht? Oder ein nach-tschernobylscher Erguß von Rainald Goetz? Weder noch: Sam Goodman schrieb das in einem Manifest zur Doom Show 1961.
Heinz Ohff charakterisierte 1973 anlässlich einer Retrospektive der NO!art-Bewegung in Berlin diese als „eine Art Sekte zwischen Pop und Happening, mit einem Schuss Kritischem Realismus, der freilich nicht...zum Dada-Realismus tendierte, sondern eher zur art brut."
Gerade gegen diese Klassifizierungs-Manie des Kunstbetriebes kämpften Goodman, Stanley Fisher und Boris Lurie, die Begründer von NO!art, mit ihren verschiedenen Ausstellungen zunächst in der eigenen March-Gallery. später in der Galerie Gertrude Stein zwischen 1958 und 1964 an. NO!art war eine Fundamental-Opposition, geboren auf dem De'gout angesichts der Hegemonie der unverbindlichen Ästhetik des Abstrakten Expressionismus in einer politischen Situation des Kalten Kriege«, verbunden mit allgemeiner Aufrüstung, H-Bomben-Euphorie und der noch frischen Erinnerung an die Schrecken der Nazi-Verbrechen, der Kz's und der Gaskammern.
In Europa sind die Künstler von NO!art wie auch die Aktivitäten der Gruppe, an denen zeitweise auch bekannte Namen wie Allen Kaprow, Jean-Jacques Lebel, Erro und andere teilnahmen, bisher kaum bekannt geworden. Nachdem Goodman bereits 1967 gestorben war und Fisher ihm 1980 folgte, gelang es nun Boris Lurie, eine Dokumentation der NO!art-Aktivitäten zu veröffentlichen. Wer allerdings eine Hochglanz-Broschüre der Art erwartet, mit der inzwischen die letzten Aufrechten der Avantgarde rehabilitiert werden, der wird enttäuscht. Das in der Edition Hundertmark erschienene Buch zeigt noch in der Aufmachung den subversiven Charakter, der dieser Bewegung anhaftete. Die Lektüre lässt den Leser jedoch schnell die Gründe für die fortdauernde Ignorierung erkennen. Noch heute, aus der Rückschau von 25 Jahren, haben Ausstellungen, Einzelwerke und die in Pamphleten öffentlich gemachten Ideen der Künstler hohen provokativen Wert. Von der "Vulgär-Show" und der "Involvement-Show" (in der unmissverständlich von jedem Besucher ein aktives Eingreifen in die Machtstrukturen von Kunst und Gesellschaft gefordert wurde), beide 1961, zur legendären "Doom Show" (Thema: der atomare Overkill), die auch in Italien zu sehen war, war bereits eine zunehmende Präzision und Schärfe des Angriffs feststellbar. Den Höhepunkt und gleichzeitig auch das Ende der Bewegung markierte dann die von Goodman und Lurie veranstaltete "NO!SculptureShow/Shit Show"(1964), in der Fäkalien nach streng formalen Kriterien präsentiert wurden.
Die fotografische Dokumentation dieser Aktivitäten atmet noch immer, und heute: schon wieder, den Hauch der Tabu Verletzung, der kulturpolitisch radikalen künstlerischen Haltung. Hier findet man vieles, das uns seit Beginn der 80er Jahre als postmoderne Zynik auf den Teller kommt, bereits 20 Jahre früher unmissversländlich formuliert. Dem fotografischen Teil ist eine Textsammlung mit Beiträgen unterschiedlicher Persönlichkeiten angegliedert. Persönliche Stellungnahmen, Briefe, Würdigungen, Kritiken und theoretische Reflektionen, darunter ein wenig bekannter Text von Gregory Battcock von 1971, wechseln sich ab. Die Reihe der Namen ist illuster: Iris Clert, Wolf Vostell, Aragon, Seymour Krim, Marcel Janco, Lil Picard, Dore Ashton, Mario de Micheli und Tom Wolfe gehören zu den Autoren.
Da die Realisierung dieser Dokumentation 20 Jahre in Anspruch nahm, ist auch der Zeitraum für die Entstehung der Texte entsprechend groß. Doch dies zeugt von der kontinuierlichen Aktualität der Ideen, die Lurie nicht müde wird zu verkünden. Zu seinen "NO!posters" (1964), die ähnliche Recycling-Methoden des Bildes aufweisen wie bei Polke/Kohlhöfer, sagt er, sie seien "der spontane Ausdruck einer sich selbst reinigenden Maschine, die sich gegen ihren Missbrauch in der Gesellschaft mit der ihr eigenen Mechanik auflehnt." Ästhetische Indifferenz bei starker moralischer Erschütterung - hier ist ein wichtiges Vorkapitel für die 80er Jahre zu entdecken.

Friedemann Malsch ist zur Zeit Generaldirektor der Sammlung des Kunstmuseums Lichtenstein, Vaduz.

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