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EINIGE SCHNELLE WORTE

zur Eröffnung der Ausstellung von Fotos der Naomi Tereza Salmon
meiner New Yorker Wohnung und auserlesener Gedichte in Buchenwald

Von Boris Lurie

Fax vom 29. August 2003

Naomi, bei ihrem Besuch in New York, war von meiner schrecklich unordentlichen Wohnung ausserordentlich begeistert: ich dagegen bin von dem Towu-Wawohu fuerchterlich deprimiert, doch auf lange Dauer es in Ordnung halten, geht es leider nicht. Es ist eine Frage ob was wichtiger sei, die Wohnung aufzuraeumen- und danach lange wieder nicht arbeiten zu koennen!- oder mit Arbeitsversuchen so wie sie kommen, ohne Unterbrechung weitermachen. Ich ziehe die zweite Moeglichkeit vor... kann den Krawall aber trotzdem nicht leiden. Wie schoen waere es ordnungsmaessig fruchtbar fortzufahren, doch es passiert nicht... Und jetzt wurde solch ein kuenstlerisches "Environment", durch die heutige Mode an "Environmente", die heutzutage einen anderen Namen besitzen, auch etwas "kuenstlerisches", sehenswertiges! Fuer mich doch, ist es eine Plage! Es gibt auch nahestehende Personen hauptsaechlich weiblichen Geschlechtes, die sich weigern sogar der Wohnung nahezukommen.
Naomi sammelte jahrelang Ueberbleibsel von persoenlichen Objekten der Gefangenen im KaZet Buchenwald, um sie dann zu fotografieren, wie Essloeffel oder auch Zahnbuersten, die sich im Sand bisdann verborgen hielten. Jetzt wurden solche zur "Kunst", und uns zur Erweckung der Vergangenheit. Die sprechen eine Sprache, die einfache Worte nicht zum Wiederleben bringen koennen. Ob meine jetzige Wohnung in New York auch in diese Kategorie einfaellt, weiss ich nicht, doch ist es schon möglich...
Naomi hat mir fest versprochen, bei einer zukuenftigen Saubermachung mitzuhelfen, aber ob das jemals passieren wird, weiss ich nicht... alleine das zu machen, versuchte ich schon paar Mal erfolglos- und wie schon gesagt, wuerde das vielleicht zu einer erneuerten Gefangennahme, diesmal zur Untaetigkeit...
Leider war es mir unmoeglich zur Ausstellungseroeffnung nach Buchenwald zu kommen, jedoch hoffe ich es in ein paar Wochen machen zu koennen, um mir dann anzuschauen, wie Fotos meiner Unterkunft in New York auf dem geheiligten Boden des internationalen Buchenwalds da anzuschauen seien.
Ich wuensche Naomi Tereza Salmon viel Erfolg als Kompensation fuer ihre hartnaeckigen Strapazen!
Vielen Dank fuer die Moeglichkeit mich irgendwie in der geweihten Staette Buchenwald mitmachen zu duerfen, was es nicht in Kunstmuseen geben kann.
gez. Boris Lurie
New York, den 29. August 2003

BORIS LURIE: Geboren 18. Juli 1924 in Leningrad (St. Petersburg). Ein Jahr später zogen seine Eltern mit ihm nach Lettland (Riga). An einer deutschsprachigen Schule erlernt er seine baltische Ausdrucksweise. Nach der Besetzung seiner Heimat war Lurie von 1941 bis 1945 gefangen in den KZs Riga, Lenta, Stutthof und Buchenwald. Nach der Befreiung durch die Amerikaner 1946 Emigration in die Vereinigten Staaten. 1954-55 Aufenthalt in Paris. Begründete 1959 zusammen mit Goodman und Fisher die NO!art-Bewegung in der 10. Straße in New York (March Group & Gallery). Ist nach wie vor involviert in der Fortsetzung der NO!art-Bewegung. — Gestorben 2008 in New York.  |  linkMEMO

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