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ANMERKUNGEN ZUR AUSSTELLUNG

"LES LIONS"

Von Boris Lurie (1960)

Publiziert in: linkLurie, Boris; Krim, Seymour: NO!art, Köln 1988

Jeder hängt heutzutage Girlies an seine Wände; nicht nur Leute, die in an einer Werkbank oder in Autoreparaturwerkstätten arbeiten, sondern auch Familien, die in hochmodernen, von Architekten entworfenen Wohnungen leben. Die Wand im Kinderzimmer hängt voller Pin-ups, die Kleinen lernen damit, den Gefahren zu begegnen, die sie erwarten, wenn sie groß werden. Warum war meine Spielhöhle nicht mit Pin-ups geschmückt?
Seit Jahren kaufe ich Magazine mit Girlie-Photos. Ich studiere sie mit entschlossener Gründlichkeit. Ich will wissen, welche dieser Schönheiten mir am besten gefällt und warum. Was für Meisterwerke! Wer ist meine Regina Superior? Aber es gibt ja so viele verschiedene Typen, und ich mag nicht jeden Typ zu jeder Zeit; manchmal mag ich verschiedene Typen zur gleichen Zeit. Es ist sehr verwirrend. Angezogen, ausgezogen, in Unterwäsche oder Bikini, Reizwäsche oder gar nichts. Wer mag sie pubertär, wer mag sie erwachsen, wer im Frühling, wer im Sommer oder herbstlich überreif? Den sportlichen Typ oder den wilden Typ? Aber sie schmelzen ineinander, werden austauschbar, verwandeln sich ins Gegenteil und rivalisieren miteinander.
Der Verwirrung ein Ende zu machen, war mein oberstes Ziel, aber instinktiv wusste ich, dass ich mehr Verwirrung stiften musste, um dieses Ziel zu erreichen. Ich schnitt Hunderte von Girlie-Photos aus den Magazinen aus. Die Wände meines Ateliers waren damit bedeckt, besteckt und beklebt. Ich setzte mich davor und stellte fest: Was für einen Sinn hat es, die Mädchen zu malen? Wie konnte ich jemals alle Mädchen in einem einzigen Bild malen? Was war der Sinn des Malens überhaupt?
Dann kam der Winter 1959 und ich wurde zeitweilig ein Krüppel. Ich hatte ein Bild zu einer Ausstellung in der Kirche St. Marks-on-the-Bowery getragen, als ich über einen uralten Stein gestolpert war und mir den Fuß gebrochen hatte. Im St. Vinzent Hospital bekam ich einen Gipsfuß und ein paar Krücken. In der Zeit danach verließ ich mein Bett nur, um zum Herd oder Kühlschrank zu humpeln. Und allmählich drangen die Mädchen in mein Schlafzimmer ein. Ich betrachtete sie, ich beobachtete sie. Sie beobachteten mich. Sie wuchsen. Ich sehnte mich nach jenem höchsten imaginären Augenblick, in dem ich der Königin unter ihnen die Krone reichen würde. Aber die Mädchen vermehrten sich und blühten - Familien, Stämme, Nationen, Rassen. Tag und Nacht waren sie bei mir. Sie verließen mich nie. Ich humpelte auf meinen Krücken von Photo zu Photo, glotzte, beurteilte, erwog und murmelte vor mich hin. Ich versuchte, eine Auswahl zu treffen, auszusortieren, zu verwerfen, zu krönen. Es ist mir nicht gelungen.
Ich musste endlich handeln. Irgendetwas musste geschehen, um diesem monströsen Wachstum Einhalt zu gebieten. Es galt keine Zeit zu verschwenden. Ich erhob mich von meinem Bett. Ich riss die Mädchen von den Wänden. Sie landeten auf der Leinwand, um sie und über sie ergoss sich die Farbe. Sie erstickten darin, blätterten ab, neue Mädchen ersetzten den Verlust und wurden wieder in Farbe ertränkt. Mädchen wurden weggeworfen, andere kamen zurück. Allmählich geschah es. Was an den Wänden hing, wurde zu Bildern. Endlich wurde ich die ungebetenen Gäste los, den Fluch, die Verwirrung der Leiber, meine Schönen! Ich rief: "Großartig!" In dem Bild "Les Lions" passierte es: Die Striptease- Tänzerin wird zum Mond, der auf den Cadillac scheint. Chruschtschow schlägt den Vereinten Nationen seinen lange erwarteten Apfelbeeren-Plan vor. Oberst Terreur ist tot, in der Schlacht gefallen. "Les Lions" ruhen stark und zufrieden in luxuriösem Grün. Warum wird der sanfte Fragonard von dem Mann mit der Maschinenpistole bedroht? Werden wirklich gedämpfte Schönheiten in Bohnen-Dosen eingeweckt? Das rothaarige Mannequin legte ein seltsames Ei. Warum ist diese Geschirrspülmaschine anders als all anderen? Auch der Museumsdirektor, ein Pin-up Girl mit der Lupe betrachtend; die Neue Linie, wie, oh, wie wird sie aussehen? Eva isst den Apfel der Erkenntnis ganz allein. Das ist eine finstere Bande von Aufwieglern. Oberst Terreur ist tot. "Les Lions" ruhen in Frieden.
Die streunenden Hunde in meinem Hinterhof sind ewig hungrig. Das Ungeheuer hat ihnen beigebracht, ihre Frustrationen in geziemenden Handlungen auszuleben. Die Hunde betteln: sie fuchteln wild mit den Pfoten herum, sie rennen im Kreis. Dann wirft ihnen das Ungeheuer ein paar Knochen vor. Es ist fast kein Fleisch daran, aber die Hunde verschlingen sie gierig und schlafen ein.
Und in ihren Hunde-Träumen sehen sie sich selbst als überlegene große Herren, weit weg in Raum und Zeit, endlosen rituellen Gesten hingegeben. Aber bald wachen sie auf, und sie sind so hungrig wie zuvor, und der Hof ist so schmutzig wie zuvor.

Vor mir ist ein Bild, Rechts stehen lesbare die Worte gedruckt: Freiheit und Läuse.

BORIS LURIE: Geboren 18. Juli 1924 in Leningrad (St. Petersburg). Ein Jahr später zogen seine Eltern mit ihm nach Lettland (Riga). An einer deutschsprachigen Schule erlernt er seine baltische Ausdrucksweise. Nach der Besetzung seiner Heimat war Lurie von 1941 bis 1945 gefangen in den KZs Riga, Lenta, Stutthof und Buchenwald. Nach der Befreiung durch die Amerikaner 1946 Emigration in die Vereinigten Staaten. 1954-55 Aufenthalt in Paris. Begründete 1959 zusammen mit Goodman und Fisher die NO!art-Bewegung in der 10. Straße in New York (March Group & Gallery). Ist nach wie vor involviert in der Fortsetzung der NO!art-Bewegung. — Gestorben 2008 in New York.  |  linkMEMO

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