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INVOLVEMENT SHOW STATEMENT

Von Boris Lurie (1961)

Publiziert in: linkLurie, Boris; Krim, Seymour: NO!art, Köln 1988
Herzlich willkommen zu dieser Ausstellung. Wenn Ihr Augen habt und denken könnt,
werdet Ihr hier etwas Neues sehen.

Wenn Ihr Euch die Ausstellung anseht, vergesst alle ästhetischen Maßstäbe. Haltet uns nicht für Realisten, NeoDadaisten, Surrealisten. Diese Maßstäbe sind heutzutage weder wichtig noch bedeutend. Formalistische Unterscheidungen sind hier nicht angebracht. Ästhetik ist normalerweise etwas gesichertes, wir aber sehen sie als Spiegelbild einer sich verändernden Realität an. Lebendiges Engagement ist nicht im Elfenbeinturm möglich. In einer Zeit der Kriege und Vernichtungen sind ästhetische Turnübungen und dekorative Zeichensetzungen unangebracht.

Wir sind nicht die "Abstrakten", "Ungegenständlichen", "Figurativen" allein, nein, wir sind all das zusammen: Wir wollen sämtliche Erfindungen aus der Vergangenheit und Gegenwart ohne Rücksichtnahme auf "Stile" verwenden. Totalität ist die Komposition aller Aspekte: Eingrenzungen, Puritanismen und ähnliche Ansichten lehnen wir ab. Wir sind nicht zu Scherzen aufgelegt! Wir wollen Kunst schaffen, nicht zerstören, und deutlich sagen, was wir meinen.

Aber auf Kosten der "guten" Manieren. Ihr werdet hier keine Geheimsprache finden, noch lautloses, wortloses Schweigen, keine Botschaft für ein ausgewähltes Publikum. Unsere Kunst ist das Werkzeug der Nötigung und Aufforderung zugleich. Wir wollen reden, schreien, damit uns jeder verstehen kann. Die Wahrheit ist unser Lehrmeister.

Neue Grenzen ... alte Grenzen. Kann es wahr sein, dass man nur eines einzigen Menschen bedarf, um die Welt aufzuwecken?

Eichmann lebt ... Eichmann ist tot ... wem macht das was aus? Jetzt erzählt man uns alles über die Konzentrationslager: Bergen-Belsen wurde in einen wunderschönen Park verwandelt. Aber Tausende haben nach der Befreiung weitergehungert!

War es Rechtens, Eichmann zu entführen? Gab es eine internationale Rechtsgrundlage dafür? Wer hat die Entführung gesteuert? Ein Mann?

Schaut auf die Erde! Was seht ihr? Zählt die Toten! Wer zählt die Lebenden? Was hört ihr, wenn ihr danach fragt? Schweigen. Wie sollte man sie zählen?! Die Publizität, die man uns entgegengebracht hat, ist Millionen wert, aber wir haben absolut nichts zu verkaufen. Manchen Leuten wird es ganz schön mulmig in ihren Glashäusern, denn nichts scheint mehr glaubhaft zu sein wie ehedem. Die Gespenster beginnen mit ihren Paraden in New York. Sogar die Toten mussten sich bisher versteckt halten. Man hatte ihnen das Recht der Selbstdarstellung genommen. Jetzt sind sie ruhiger geworden. Die Zeitungen haben sich ihrer erinnert. Doch ein einziger entschlossener Mensch genügte, um das alles zustande zu bringen.

Wach auf du krankes verfaultes, vergrabenes, verschüttetes Gewissen! Der Mensch ist hilflos, aber sein Glaube kann Berge versetzen. Frische Luft weht durch die modrigen Schluchten: Abgedroschene Redewendungen, Trugschlüsse, Betrug, Einbildung, Lügen?!

BORIS LURIE: Geboren 18. Juli 1924 in Leningrad (St. Petersburg). Ein Jahr später zogen seine Eltern mit ihm nach Lettland (Riga). An einer deutschsprachigen Schule erlernt er seine baltische Ausdrucksweise. Nach der Besetzung seiner Heimat war Lurie von 1941 bis 1945 gefangen in den KZs Riga, Lenta, Stutthof und Buchenwald. Nach der Befreiung durch die Amerikaner 1946 Emigration in die Vereinigten Staaten. 1954-55 Aufenthalt in Paris. Begründete 1959 zusammen mit Goodman und Fisher die NO!art-Bewegung in der 10. Straße in New York (March Group & Gallery). Ist nach wie vor involviert in der Fortsetzung der NO!art-Bewegung. — Gestorben 2008 in New York.  |  linkMEMO

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