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FÜHL-MALEN

Erklärung von Boris Lurie, 14. Mai 1988
anlässlich der Ausstellung Feel-paintings in der Edition Hundertmark, Köln

Flyer zur Ausstellung, Köln 1988

Diese Arbeiten von 1987-88, sind eine Fortsetzung der „Fühl-Bilder“ der frühen 54ziger Jahre.

„Fühl-Bilder“ werden gemacht, durch Tasten, Liebkosen (meißeln... zwei-dimensionale Skulptur) Schlagen, Kratzen-- körperliche Einprägung des Augenblickes, geladen von einer Gefühlregung. Beide Hände, alle Finger, Ellbogen, die Fäuste, verüben einen Druck auf die Oberfläche-- weiche Spuren, auf dem Papier oder der Leinwand hinterlässt.

Enthalten ist eine physische Tätigkeit, die der „Macher“ nicht beobachten kann, mit Ausnahme des Maßes der Erinnerung, von Muskelbewegungen seiner Arme und Finger. Falls solch ein erstes Prägen nicht zufriedenstellend ist, kann die Leinwand ein zweites u.s.w. „Fühl“-blindes Überarbeiten erdulden, oder aber wird es weggeworfen.

Was scheint, die Stärke der Ausdrucksfähigkeit des realisierten Standbildes zu bestimmen, könnte wahrscheinlich die Stärke des Gefühles sein, das den physischen Akt entzündet.

Dieses „Fühlen-Malen“ schließt aus das Herausfinden von Bildgestaltungen, und deren Verbesserung, wie es in gewissen surrealistischen Automatismen im Brauch ist, es schließt aus, Veränderungen und Verfeinerungen in der Bildkomposition zu machen. Es zielt darauf hin, das Zufällige wie auch die zufällige Geste, auszuschließen.

Die Hand- und Fingerbewegungen des „Bildenden“ sind bewusst von einem Programm, dass er im Sinne hat, geleitet. Auch so, falls er so auswählt-- während des Fühl-Verfahrens, --die ursprüngliche Absicht zu subvertieren oder zu vernichten.

Der Arbeitsprozess ist technisch hinderlich, und voller Aufschübe, weil gewisse Vorbereitungen notwendig sind: Speziale Farbe (oder andere Arbeitsmaterie) muss hergestellt werden, bezüglich auf Dichtheit und andere Eigenschaften, es kann nicht schnell verändert werden (wie ein Expressionist es sich wünsche).
Ein ernstes Urteilsproblem ist-- wie das Resultat einzuschätzen. „Fühl-Malerei“ könnte damit gipfeln, rechtfertig so, oder auch schalkhaft indem der „Macher“ alles annimmt was er schafft, als positiven Wert. Seine Rechtfertigung in solchem Fall möge sein, dass das Resultat ganz wahrhaft porträtiert-- den wirklichen Moment.

Was findet der „Schöpfer“-- oder der Betrachter, in diesem Rorschak Standbild? Ist das sichtliche Einprägen, „dasselbe“ oder ist es ähnlich, in Gestaltung, Geschichtenerzählung, Stimmung, Landschaft? Wie viel von seiner eigenen Geschichte, liest der Beobachter in die gebotene „Fühl-Malerei" hinein? Es müsste so sein, dass der blinde Bildnis-Macher, den „Schauer“ in eine Gegend, nahezu seinem "Fühl" bringt. Sogar ein narratives Gemälde kann verschiedene Auslegungen von verschiedenen Beobachtern hervorrufen-- sogar verschiedene Interpretationen bei demselben Mensch: Die Zeit-- kommt da ins Spiel. Das „Fühl-Gebilde“ verbreitert doch zum größten Maße, das Theater der gestaltlichen und dichterischen Auslegung-- und zu dem Punkt, wo der Beobachter, der Regisseur (und auch Schauspieler) wird-- und er selbst, Produzent des Rorschak-BiIdes.

Wir sind, und paradoxerweise in diesen 1980zigem, und scheinbar so spät nach dem Fakt, im Späterwecken, was benannt werden könnte, „Nach-Auschwitz“. Die ausgegangenen heiligen Rebellenfeuer von 1960-70, brachten als Nachruf, in das Bewusstsein, diejenige gesamte "Groß-Industrie", die aus dem Ofen-Brennpunkt rausrutschte. Wir sind, unter ihrem Schatten-- der lebt! Und keine Massen Pop and Yupp, können es verändern.

Die „Fühlen-Malerei“, noch Meinung ihres Meisters, könnte in diese Marschtruppe hineinpassen—„Nach-Auschwitz-Kunst“ geprägt. Es könnte „Schnellkunst!“ benannt werden, da die Zeit heute schneller läuft, wie schnell, man vergeht (und nicht im Sinn, wie es die Optimisten-Futuristen meinten). Doch besser noch, es wäre benannt „Noch-Kunst“, (das ist nachdem die ganze „Kunst“ sei abgetan). Der Brauch des Wortes „Kunst“, unter der wirtschaftlich-akademischen Verschirmung, ist völlig willkürlich.

Die Schnelligkeit, die kurzgelebte Minute, in eine körperliche Bewegung umgestellt, ermöglicht es einem gleichfalls, zurück sich zu bewegen in der Zeit-- mit gleicher Schnellkraft rückwärts, in die Länder des Verwehten. Um aufzuschwemmen-- Gedächtnisse und Lagen des Verschollenen, --die Geister aufzurufen. Verzweifelt, wütend, liebend, hassend-- fühlen, kratzen, schlagen-- die Betonwände, --heut.

BORIS LURIE: Geboren 18. Juli 1924 in Leningrad (St. Petersburg). Ein Jahr später zogen seine Eltern mit ihm nach Lettland (Riga). An einer deutschsprachigen Schule erlernt er seine baltische Ausdrucksweise. Nach der Besetzung seiner Heimat war Lurie von 1941 bis 1945 gefangen in den KZs Riga, Lenta, Stutthof und Buchenwald. Nach der Befreiung durch die Amerikaner 1946 Emigration in die Vereinigten Staaten. 1954-55 Aufenthalt in Paris. Begründete 1959 zusammen mit Goodman und Fisher die NO!art-Bewegung in der 10. Straße in New York (March Group & Gallery). Ist nach wie vor involviert in der Fortsetzung der NO!art-Bewegung. — Gestorben 2008 in New York.  |  linkMEMO

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