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KRAMPF

Von Stanley Fisher (1959)

Publiziert in: linkLurie, Boris; Krim, Seymour: NO!art, Köln 1988

Kunst im Atombunker: Kunst sollte provisorisch, zeitlich begrenzt sein, nichts Materielles ausser Trümmerhaufen von Bombenexplosionen und Schönheitssalons enthalten. Kunst muss so schrecklich sein wie ein von Metallsplittern zerfetzter Körper. Unmenschlichkeiten müssen in bhelfsmässigen Leichenhäusern zur Schau gestellt werden, ebenso die Menschenfleisch fressenden Hubschrauber. Diese zum Zerstören erdachten Kriegsinstrumente sind jetzt überflüssig geworden. Menschenfleisch gibt es nicht mehr. Jetzt stehen die Raketensprengköpfe einander gegenüber und Foltermaschinen malen die Bilder. Sie machen aus  Hubschraubern Phallussymbole, zahnlose Benzinrümpfe, abgefüllt mit ekliger Zahnpasta. Ich bin der letzte Künstler. Habe Glück gehabt mit meiner nekrophilen Sehnsucht, obwohl man mich auch schon geköpft hat. Noch finde ich genug Geschlechtsteile, in denen ich rumwühlen kann wie ein Aasfresser. Die Hubschrauber finden mich abscheulich.

Wahnsinniges Leichenfest: Ein schrecklicher Gestank zog aus einer fernen unheimlichen Stille herauf und brannte mir in den Augen. Ich rannte. Ich floh vor dem drohenden Ersticken. Blutige Rinnsale strömten aus meinem Mantel. Schrille Angstschreie pressten mich einer Kreuzigung gleich an feuchte Körper. Plötzlich schwammen Liberal I wahnsinnig entstellte Leichen herum wie glibberndes Eidotter, wie dreckige weisse Augäpfel. Neben mir riss sich einer die mit schwarzem Kerosin getränkten Kleiderfetzen vom Leib und sprang in die Motorhaube eines Autos. Sein auseinander berstender Körper zerfetzte in tausend Stucke, sein verbrennendes Fleisch ward zu ledernen Schrapnells. Ein rasender glatzöpfiger Schatten, wahnsinnig vom Todesgewühl - der Schock hatte sein Blut weiss gefärbt -, taumelte in meine Arme. Seine stinkende Berührung liess meinen Körper zum Eisblock erstarren. Ich stürzte mich schreiend in die schwarze Brühe des Meeres und jaulte wie ein Hund mit zitternden Knien.

In Ketten: Das Licht des Mondes schien durch meinen Verband zu leuchten. Aus meinen Fingern quoll dampfendes Quecksilber. Ich rannte an den Ruinen brennender Häuserfluchten entlang. In den offenen Zimmern lagen nur noch Knochen, Leiber wie zerplatzte Apfelsinen, aufgerissene Bäuche Sonnenblumen gleich, ausgequetscht wie Zitronen, manche noch halb lebend. Meine jäh brennende, verstümmelt blutende Wut erstickten sie mit ihren Körpern.

Vergeltung: Ein Rot wie leuchtende Lippen, eine Wärme wie zerquetschte aufeinanderliegende Körper, Arme und Beine, und das, was einmal die Herzen waren, von Menschen, die dir nahestanden. Dein Inneres ist getränkt mit pechschwarzem Kerosin, deine Knochen brennen in dir. Die noch Lebenden stolpern über kreischende Scheiterhaufen, über hexengleich geräderte Leiber. Die Bomben haben sich in unseren Betten versteckt, damit ihr schändliches Wesen verborgen bleibt. Bomben sind unergründlich, gefühllos, kalt, harr, voller Verachtung und immer missgünstig.  Bomben warten in ihren stählernen Kapseln voller Lüsternheit, warten auf eine Gelegenheit, alles zu versenken, alles zu verschlingen, zu zerstören, warten darauf, den Tod zu sähen und zu ernten. Und es gibt tatsächlich Leute, die die Bomben hervorholen und hochgehen lassen wollen. Sie sind genauso verrückt und wahnsinnig wie die Bomben selbst. Die Lebenden sind ihre Opfer, dein Atem, dein Fleisch, deine Seele. Alles Nahrung für ihr rauchendes, schwärzendes Kerosin, das hundertmal heller brennt als alle Feuer, die du kennst. - Kinder in zerbrechlichen Eierschalen? Ein Kugelhagel durchsiebt deine Träume ...

Menschentrümmer: Da lagen weisse Leiber herum und rochen nach Teerpappe. Einem war der Körper vom Mund bis zur Schulter aufgerissen, in seiner offenen Wunde schwelte es glühenden Kohlen gleich. Sein Zucken schlitzte den Himmel über ihm auf und liess Blut herabregnen. Daneben krümmte sich ein Kind. Die Haut tropfte als schwarzes flüssiges Emaille von seinem kindlichen Leib, in seinem Gesicht klebten die Finger seiner Eltern wie schmelzende Wachskerzen. Zusammengekauert lagen sie am Boden. Ein Haufen klatschnasser Zweige. Aus ihrer Mitte drangen erbärmliche Schreie und ab und an leises Wimmern. An improvisierten Krücken schleppte ich mich bis zur Erste-Hilfe-Station. Die Wände dort waren vernarbt mit Goldzähnen, Reissverschlüssen und hungrigen Fliegen.  In meinem schmerzenden Beinstumpf steckte ein Goldzahn und ein Perlmuttknopf. Monstern ähnliche Massen heulten nach Sonne, die in den Trümmern der Leiber versunken war. Sie stolperten über Fleischberge und vertrocknetes Blut in die Station, in Massen. Es gab kein Wasser. Das Fleisch hing aus ihren Verbänden raus. Ich stürzte blindlings auf sie los und stillte meinen Hunger an ihren seltsam geschmacklosen Fleischfetzen.

Besudelt: Irgend etwas war mit meiner Nase geschehen. Sie musste eben noch dagewesen sein. Jetzt war sie abgerissen. Nur noch ein Loch. Aus irgendeinem Grund rasierte ich mich noch. Doch langsam begann vor mir der Spiegel zu schrumpfen und zerplatzte unerwartet in tausend Stücke. Scherben krochen als Tausendfüssler im Waschbecken umher. Plötzlich war ich in eine rasende Farbbrühe getaucht. Meine Haut wurde schwarz im hellen Licht, nur meine Wunden blieben verschont.  Ich wollte meinen Körper abtasten, doch war von meiner gekrümmten Hand nichts mehr übriggeblieben als ein qualmendes, handschuhähnliches auf dem Boden liegendes Etwas. Vor Lachen setzte ich mich auf den Klodeckel. Dabei versengte ein eiskalter Schauer meinen glühenden Körper. Ich hörte vom Hof her die Verstümmelten, noch Halbbeseelten in ihrem zu Sahne gewordenen Schweiss und Blut sterben.  Ich wollte zu ihnen. Stieg durch zerborstene Fenster, rannte über Berge von Glasscherben, vorbei an umherliegenden besudelten Köpfen. Ich traf sie. Manche stiessen aus ihren Augen noch gellende Schreie aus.

Anfälle: Das Sonnenlicht strömte in einen Werkzeugladen, öffnete Petroleumdosen und Schmierölkanister, zerbrach Bimssteine und brachte die widerstandsfähigsten Öle zum Schmelzen. Die durcheinandergewirbelten einzelnen Sachen, Teile, Dinge ... rutschten qualmend in die dunkelsten Ecken, explodierten mit wahnwitzig krachenden grellen Blitzen, stoben wie irre auseinander und regneten als zerkleinerte Schrotkörner zu Boden. Die Schaufensterscheibe erbebte und erglühte, bis sie unter dem Druck des unglaublich hellen Lichtes zerplatzte. Verbots- und Hinweisschilder frassen sich selber auf, glühende Blitzlichtgewitter liessen die Kasse zerschmelzen. Münzen kullerten haufenweise herum und zerflossen in der Hitze.  Ihr flüssiges Chrom rann schweisstropfend den Ladentisch herab. Die von einem merkwürdigen Fieber ergriffenen Wände erbebten in Todeskrämpfen, schwitzten seltsame Flüssigkeiten aus. Der ganze Laden stürzte in sich zusammen und seine Trümmer verschwanden in der Kanalisation, vermengt in einem Brei aus kochenden Leibern und verbrannten Reklametafeln. Ich beeilte mich hier wegzukommen. Versuchte mich an etwas festzuhalten. Doch das Leichentuch lag schon auf mir und hatte sich mit meiner Haut verklebt. Die Häuser um mich herum sackten mit brüllendem Geschrei zeitlupenhaft in sich zusammen wie langsam abbrennende Kerzen. Flammen leckten an Teppichen aus Leibern, die sich zu steinernen Posen verkrampft hatten, ihre Hände und Körper ineinander verschränkt, als wenn sie mit ihrer verkohlten Haut ein grausiges Hochzeitszeremoniell feiern wollten. Ich hatte nur noch einen Gedanken ... Wasser ... Mein Hirn klebte an meiner Schädeldecke wie trockenes Papier. Mein Mund verkrampfte sich. Ein Öffnen der Lippen war unmöglich geworden. Ich stiess nur noch jaulende Töne aus, dem Zischen eines offenen vertrockneten Wasserhahns vergleichbar. Stierte auf etwas Schreckliches, das mir den Atem verschlug. Die ganze Stadt gab ihren Geist auf, verlor ihr Gesicht, fiel in sich zusammen. Eine vertrocknete Masse, die sich ihrer Glieder entledigte. Übel stinkende Leiberfetzen, Lungen, Mägen, Gedärme, Köpfe, ... wälzten sich den FIuss hinab, vereinigten sich in einer Schlange roten Schweisses, besudelt mit gespaltenen Kinderleibern, um sich dann endlich aufzulösen. Die zerquetschten, aufgedunsenen Leiber hinter sich lassend strebten sie der endgültigen Kastration, dem Tod entgegen. Ich vereinigte mich schreiend mit ihnen.

STANLEY FISHER: Geboren 1926 in New York. Gründete zusammen mit Boris Lurie und Sam Goodman die NO!art-Bewegung. Herausgabe der Beat-Anthologie Beat Coast East. Gestorben 1980.  |  linkMEMO

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