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ZYNISMUS UND AUFKLÄRUNG

am Beispiel Boris Lurie und NO!art

Manuskript von Georg Bussmann

für die Diskussion zur Ausstellung im Haus am Kleistpark, Berlin 2004

Ich kenne nicht alle Texte, die über NO!art geschrieben wurden, aber ich denke, es gibt da in ihnen mehr oder weniger die Übereinstimmung, diese Kunst aufklärerisch kritisch als Protest anzusehen. So wie dies z. B. der Kritiker Wolfgang Kahlke 1973 in der, Welt" tat. NO!art ist da Protest „gegen die Ästhetisierung der Kunst und des Lebens", Protest gegen „das Geschäft mit der Frau im Pin-up-Foto" und Protest dagegen, „wie schnell die Konsumgesellschaft nach dem Krieg das menschliche Leid vergaß". Ich finde es beneidenswert, wenn man es so sehen kann.
Volkhard Knigge schreibt - auch in einem Text über NO!art - dass diese Kunst „nichts interpretiert, sondern ertragen werden" will. Das ist es, was mich betrifft: Ich ertrage diese Kunst nicht. Ertragen, das ist ein ganz körperlicher Begriff und so sind meine Reaktionen auf diese Kunst ebenso körperlich, nämlich Abscheu, Ekel, Widerwillen. Meine Erwartung, in der Kunst persönlich rezipierbare Identifikationsangebote zu finden, wird mir in den Hals zurückgestoßen. Ich soll mich mit dem Niedrigsten und Verachtetsten identifizieren: mit Scheiße. Mein eventueller Vorwurf, diese Kunst sei Scheiße, wird sozusagen vorweggenommen und gegen mich gekehrt. Der übliche Projektionsmechanismus: etwas außen als Scheiße zu bezeichnen, um damit die Scheiße innen vergessen zu können, schlägt auf mich zurück. Das ist peinigend und bedrückend. Warum also gehe ich dem nicht aus dem Wege, was doch so leicht wäre? Es gibt da wohl auch so etwas wie ein Fasziniertsein von der Fassungslosigkeit in die diese Bilder mich stürzen. Was mich dann herausfordert, die Fassung wiederzugewinnen. Also akzeptiere ich das Masochistische, das da im Spiel ist, und versuche es als Motor zu nutzen, um zu begreifen, was mit mir geschieht und was ich damit machen kann.
Es sind zwei Begriffe, mit denen ich versuchen möchte, die Kunst von NO!art zu fassen: der Begriff der Blasphemie und der Begriff des Zynismus. Beide Begriffe und das was sie bezeichnen, sind in der allgemeinen kulturellen Diskussion absolut negativ besetzt. Das halte ich für normal, weil Blasphemie und Zynismus die von der Kultur aufrechterhaltenen allgemeinen Ideen von der Lebbarkeit des Lebens, von der Menschlichkeit des Menschen und von der Machbarkeit der Welt angreifen und außer Kraft setzen. Also werden diese Angriffe abgewehrt, erfolgreich abgewehrt. Sinn machen sie dennoch.
Laut Brockhaus ist Blasphemie Gotteslästerung. Um den Begriff allgemein anwendbar zu machen, muss man ihn von seinem religiösen Wortsinn ablösen und ihn verstehen auch als eine Herabsetzung des Menschlichen, d. h. der idealen „Geistnatur" des Menschen und seiner Kultur. Blasphemie ist dann der Angriff auf die Repräsentanten nicht nur des Heiligen, sondern auch der Humanität, d. h. auf deren Zeichen, deren Bilder, Texte, Rituale usw. Blasphemie trifft den Betrachter deshalb so empfindlich, weil für ihn wegen des inhaltlich Ungewissen des Göttlichen wie des Humanen, deren Symbolisierungen das einzig Gewisse sind. Die Symbole sind ihm zu dem geworden, was sie symbolisieren, sie erscheinen ihm sozusagen als Realität. Darum muss die Blasphemie mit letzter Schärfe abgewehrt und bekämpft werden. Die Institutionen der Religion wie die der Kultur benutzen dabei den Vorwurf der Blasphemie letztlich wie eine Art umgekehrten Gottes- = Kulturbeweis.
Im Sinne politischer Korrektheit soll Kunst kritisieren und darin die Wirklichkeit symbolisch korrigieren. Boris Lurie verzerrt und überspitzt die Wirklichkeit ohne Maß, manisch. Er hasst seine Zeit, seine Kultur, sich und schließlich den Betrachter. Aber die Energie dieser Leidenschaft ist ambivalent. Lurie ist zugleich fasziniert und will faszinieren. Seine Bilder „kleben". Je nachdem, ob und wie nah man sie an sich ranlässt, scheinen sie einen schmutzig zu machen. Beispiel Pornographie: Sie reduziert den Menschen, Frau wie Mann, auf das Animalische, d. h, auf die tierhafte Seite seiner Natur. Die sogenannte Humanität und das sogenannte Geistige des Menschen werden verhöhnt als irreal und als idealistische Einbildung. Sex ist dumpfe, zerstörerische Energie. Was im privaten Gebrauch von Pornographie (sozusagen medizinisch) Entlastungsmittel sein kann, ist in der Kunst, öffentlich und mit allgemeinem Geltungsanspruch vorgetragen, Sprengung der Kultur.
Ob es mir gefällt oder nicht, ich halte eine solche Position in einem pluralistischen Kulturkonzept punktuell für notwendig in dem Sinne, dass sie die endgültige Idealisierung des Menschen als „Geistwesen“ unmöglich macht. Sublimierung kann nie endgültig sein, sondern immer nur in einem momentanen Ausbalancieren von Körper und Bewusstsein gelingen, was bedeutet: akzeptieren der eigenen Körperlichkeit und deren Endlichkeit. Leben kann durch Kunst nicht „geheilt", sondern nur ausbalanciert und darin aushaltbar werden, aber gerade das wird von NO!art verweigert. NO!art bringt aus dem Gleichgewicht, was einen zwingt, zu versuchen, dieses in einem neuen realistischen Sinne wiederzugewinnen.
Philosophisch gesehen ist Blasphemie Teil des zynischen Prinzips (Diogenes). Zynismus, laut Brockhaus eine „charakterliche Fehlhaltung“, mag gesellschaftlich immer ausgegrenzt sein, für die Selbstbehauptung der Subjekte in einer Massenkultur scheint er mir unverzichtbar. Unser Denken, das ständig über die materiell wahrnehmbare Wirklichkeit hinausgeht, bildet Ideen über diese Wirklichkeit aus, die, indem sie sich als Ideale zu Wertsystemen verfestigen, als idealistischer Überbau über der Wirklichkeit „hängen" und diese im schlimmsten Fall totalitär bestimmen können. Hier ist Blasphemie als Herabsetzung nötig, um im Schema Bild und Gegenbild das Realitätsprinzip wieder herzustellen und Selbsttäuschungen und kollektive Wahnvorstellungen zu durchschauen. Blasphemie, in die Normalität des kulturellen Prozesses einbezogen, hätte also immer wieder in einem zynischen Sinn Gegenbilder zu schaffen, damit die Bilder nicht unhinterfragbar zu „Lösungen“, zu Ersatz-Leben oder eigentlichem = „besserem“ Leben werden, damit man an die Bilder nicht „glaubt“. Konkret heißt das: ich stelle in meinem Bewusstsein neben die Erhabenheit und das abwaschbar Reine des Superzeichens Holocaust-Mahnmal und die Abgehobenheit seines ästhetischen Spiels (das mir wahrscheinlich gefallen wird) den Dreck und die Vulgarität von Boris Luries „Scheiße". Scheiße als Material der Kunst hat das Bedrohliche, das Formzerfall immer hat. Sie bedeutet nicht nur das Ende aller Sublimation, sie ist Propagieren der Negativität, des Ekels, der Auflösung. Wenn ich das als Bild in einer Ausstellung nicht aushalte, so ermöglicht es mir doch, im Kopf neben das Holocaust-Mahnmal gestellt, mich von dessen Verbindlichkeitsanspruch als neuem deutschem Nationaldenkmal zu lösen und vor allem mich von dem zwar allgemein Akzeptierten aber dennoch Dummen seines Sühnegedankens zu verabschieden. Was bedeutet: ich gewinne ein Stück Freiheit meines Denkens und meiner Urteilsfähigkeit zurück.
Und was hätte das alles mit Aufklärung zu tun? Es ist Selbstaufklärung, d. h. das Einzige, was meines Erachtens den Namen Aufklärung verdient. Ich halte das meiste, das in den Wissenschaften, der Politik, den Medien usw. sich als „aufklärerisch" geriert, für autoritäre Bevormundung, die hinausläuft auf ein Unmündighalten. So wie es schon der kleine böse Witz aus der Romantik meint: „Der ehrwürdige Kant, er hat die Menschen aus dem Regen der Religion in die Traufe der Aufklärung geführt.“

Manuskript eines Vortrages, gehalten am 10. Juni 2004 anlässlich der Ausstellung "optimistic-disease-facility, Boris Lurie: New York - Buchenwald" im Haus am Kleistpark in Berlin.

GEORG BUSSMANN, 1933 geboren, Studium der Kunstgeschichte in Heidelberg und Bonn. Nach der Promotion an der Städtischen Kunsthalle Mannheim, danach von 1967 bis 1970 als Ausstellungsmacher und Geschäftsführer am Badischen Kunstverein Karlsruhe und anschließend bis 1980 am Frankfurter Kunstverein tätig. Seit 1980 Lehrer für zeitgenössische Kunst am Fachbereich Kunst der Gesamthochschule Kassel, lebt in Frankfurt und Kassel.

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