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EXPRESSIVE NO!-ON SHOW

in der Galerie Berliner Kunstprojekt

Rezension von Dieter Brookmann

Publiziert online: 12. November 2003

Experiment oder Perspektive der Galerie Berliner Kunstprojekt in der Gneisenaustrasse 33 in Kreuzberg? NO!art, gestandene und gern kritisierte Kunstprogramatik gegründet Ende der 50er Jahre, angesiedelt in New York City und Berlin, wird mit einer Auswahl von wichtigen Arbeiten in den großzügigen Galerieräumen belegt. Nach dem Rundgang erscheint die NO!art als Tochter des politischen Dadaismus allerdings aktueller denn je.
Im Mittelpunkt steht einer der Mitbegründer der NO!art-Bewegung, der NO!art MAN Boris Lurie. Einst in Leningrad geboren, aus Riga von den Nazis als Jude verschleppt, im Buchenwald-Außenlager Magdeburg von den Amerikanern befreit, ging er in die Kunstmetropole New York, wohin sein Vater geflohen war. Das Trauma der Vergangenheit ist geblieben und der Verlust der geliebten Schwester sowie der geliebten Mutter ist gegenwärtig.

"Und wieder störst Du meine Ruhe! Skelett! Und stehst vor meinem Bett!"

Der Alptraum findet bei Lurie seine sarkastischen Kommentare in den visuellen Niederschriften, in denen aber auch die Hoffnung ihren Platz findet.
In einer Montagearbeit von ihm wird das bekannte und erschütternde Foto eines amerikanischen Befreiers von Buchenwald zitiert: Die hinter dem Gittertor auf ihre Freiheit wartenden KZ-Häftlinge. Allerdings gerahmt von Animierdamen in verlockenden Posen. Die pralle Orgie fleischlicher Lust im Kontrast zur gewaltsam verordneten Vergänglichkeit des Fleisches wegen Herkunft und Denkens.
"Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, in allen Lüften hallt es wie Geschrei," mag manchem Besucher beim Anblick solcher Kunstarbeit in den Sinn kommen.
Kurator Dietmar Kirves (Berlin), selbst mit WortBildern und einem DollarLenin in der NO! ON-SHOW vertreten, hat eine einmalige Schau dieser Künstlergruppe mit einem interessanten Rahmenprogramm inszeniert, mit einem konkreten Fingerzeig auf die heutigen Probleme in unserer Gesellschaft:

"Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken".

Da sind die sehr eigenwilligen Bilder von Bruno S. zu sehen. Jener wurde berühmt als Kasper Hauser, dem gleichnamigen, gekrönten Film von Werner Herzog, und dem Streifen "Strozyk" des Kultregisseurs. Bruno S. überlebte das Vernichtungsprogramm der Nazis, floh aus der staatlichen Heimerziehung des Ostens, arbeiteten dann nach einer Odyssee durch Obdachlosenasyle im Westteil der Stadt jahrelang ganz brav, ganz seriös bis 1992 bei Borsig. Seit über 30 Jahren belegt er seine Lebenserfahrungen und Weltsichten ungewöhnlich auf dem Papier, zieht gelegentlich heute noch mit seiner Ziehharmonika durch die Berliner Hinterhöfe.
"Zu jeder meiner Musiken male ich meine Bilder", sagte es und sang sie dem Publikum vor den Exponaten: Die Macht ist groß, Das Volk ist klein und Der Machthaber ist das größte Schwein. Die Macht ist groß. Das Volk ist klein." Und seine intensiven, wortlosen Musikstücke wie "Lili (Marleen) Money" bringen den wachen Hörer zu eigenem Reim: Fürs Nuttchen vom Muttchen nie mehr ein Wehrmachtssoldat, nie wieder ein GI. Nur fürs Bare wird jetzt das Horizontale schlüpfrig gemacht.
NO!art ist nicht das Programm ohne künstlerische Visualität oder ein Konzept der Antikunst, sondern es ist vielmehr die Alternative gegen biedere Salonmalerei und qualitätsfressenden Kunstkommerz mit krassen politischen Ansagen. NO!art hat zwar Randkontakte zu anderen Dada-Nachfolgern wie Fluxus (über Kaprow und dem an der Ausstellung beteiligten Lebel) und über die De-Collagen z.B. zu Vostell (und dessen historischer Berliner Verpflichtung zu Hausmann und Hoech), Haines oder Koepcke. Die NO!artisten halten jene Dada-Spielarten wie auch die Pop Art für politisch eher glimpflich. Zwar brachen die Pop Künstler den abstrakten, erstarrten Kunstsalon, doch schließlich setzten sie der widersprüchlichen amerikanischen Gesellschaft ihre Ikonen. NO!art-Poet Harry Hass hält dem allerdings entgegen: "Denkt an den Elektrischen Stuhl und an andere Bilder Warhols."
Harry Hass trug mit theatralischer Inbrunst und wodkastimulierter Stimmgewalt seine Anarchostossgebete vor, eine poetische Darstellungskraft wie sie heutzutage immer seltener passiert. Es sind die hegelianischen Widersprüche modernster Prägung im Menschen, in Gesellschaft, im Geist und im Sein die seine Sprachgelage beflügeln, wie bei den anderen NO!artisten ein Gegensatz von Grauen und Freude, von Tod und Liebe, von Vergänglichkeit und Lust, von Gewalt und Zärtlichkeit. Sinnliches einer morbiden spätbürgerlichen Gesellschaft. Und wenn der deutsche Kaiser im niederländischen Exil mit Flüchen auf sein einstiges deutsches Volk als Biedermann das Holz für Jedermann hackte, waren aber doch die Neuen Kleider des Kaisers wie zu allen Zeiten nie blau-weiß gestreift.
Leider sind in dieser interessanten Präsentation nur wenige Fotoarbeiten von Miron Zownir zu sehen. Zownir hatte Anfang der 70er die Berliner Punkszene ins Bild gesetzt und später die East Side New Yorks dokumentiert. Aber einige brillante Kurzfilme konnten die Besucher trotzdem an den Filmprogrammabenden sehen, wie den über Bruno S., Die Fremde ist der Tod oder den mit Harry Hass als Bankräuber in "Jetzt oder Nie" sowie den bemerkenswerten Streifen "Dead End".
Neben den alten New Yorker Cracks der NO!art-Bewegung wie Clayton Patterson und Aldo Tambellini, einem preisgekrönten Pionier der Video- und Multimedia-Kunst, sind auch Berliner integriert, ältere, die zum NO!art-Stamm gehören, und jüngere, die sich dieser Strömung verpflichtet fühlen.
Beachtenswert die Elektroanimationen auf Papier von Mathilda Wolf, die das Lebende Gummibild erfand und live bei Events im Städel, in New York City und in Berlin vorführte, die grossformatigen Plakatcollagen von Peter Meseck und Friedrich Wall, die in einem pittoreskem Ambiente nachempfundenen Voyeurmalerei von Stu Mead, die provokanten Radierungen von Reinhard Scheibner oder die Restlichtfotos von Natalia E. Woytasik.
Bei dieser NO!art-Attacke gegen biederen Geschmack und modernistische Formen bleibt nicht nur die Klage:
"Die Tage sind so still und grell geworden ... Mich packt die Angst, dass ich mein Heil verliere Wie wenn ich ginge, meinen Gott zu richten."

Anmerkung des Autors: den bezug zu zitaten aus van-hoddies-gedichten habe ich ganz einfach gewaehlt, weil die zeit des expressionismus und dessen umwelt wohl schon in modernerer form an die tuer gepocht hat, hoffentlich nicht mit den geschichtlichen formen, denn mit minimalistischen, phychologischen dingen kann man auch den geist und fortschritt terrorisieren.

Dieter Brookmann ist freier Kunstjournalist und Kurator in Berlin.

©  http://text.no-art.info/de/brookmann_no-on-show.html