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PIN-UP-GIRLS IM LAGER

Erstmals seit seinem Tod 2008 werden Werke von Boris Lurie in Europa gezeigt

Rezension von Rudij Bergmann

linkBORIS LURIE RETROSPEKTIVE | Museum Wolf Vostell, Malpartida/Spanien
Publiziert in: Jüdische Allgemeine, Berlin, am 19. Juni 2014
Quelle: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/19422

Irgendwann 1945, vielleicht auch ein Jahr später, erreichte Boris Lurie seine von den Nazis erzwungene Wahlheimat New York. Als ich ihn 30 Jahre später im Zwielicht seines Hausflurs in der 66. Straße in Manhattan erstmals traf, um einen Film über ihn zu drehen, begriff ich schnell seine Sehnsucht zurück nach Europa. Dort hatte ich, in Berlin genau, seine verstörenden Bildwerke gesehen: KZ-Häftlinge, auf ihre Befreiung wartend. Gespenstergestalten zwischen Lebenshoffnung und Gebrochenheit.
Vergasten und die Entkommenen hat Lurie, der Überlebende eines Außenlagers des KZ Buchenwald, zu seinem Thema gemacht. Nicht in gewohnt würdiger bis ritualisierter Gedenkweise, die ihren eigenen Wert hat, sondern jonglierend auf Messers Schneide im Minenfeld zwischen voyeuristischer Lust und purem Entsetzen.

FLUXUS Substanziell sind solche Arbeiten Spiegel – Bilder der eigenen Erfahrungen des 1924 in Leningrad geborenen, in Riga aufgewachsenen Boris Lurie. Politisch ist sein Werk, das weit über die Schoa hinaus bis ins Amerika des Vietnam-Krieges, der Kuba-Krise, des Kalten Krieges reicht, ein Angriff auf den »guten Geschmack«, Attacke auf die abgekarteten Spielregeln in Politik, Kunst und Gesellschaft. Das ist und blieb auch das Programm der von Lurie mitbegründeten und wesentlich bestimmten NO!art-Bewegung. Er war sozusagen deren Andy Warhol.
Künstlerisch-ästhetisch steht Lurie, der nach 1950 die Collage für sich entdeckt, der ruppigen Fluxus-Kunst nahe. Vor allem Wolf Vostell, dem politischsten Vertreter von Fluxus; die beiden verband eine lebenslange künstlerische Beziehung, deren Grundlage beider Auseinandersetzung mit der Schoa blieb. Wie eng diese »jüdische« Wahlverwandtschaft war, wird sich im Juli zeigen, wenn ich im spanischen Malpartida de Cáceres meine Filme über Boris Lurie und Vostell einander gegenüberstelle.
Im dortigen Museo Vostell in der spanischen Estremadura, in Zusammenarbeit mit der New Yorker Boris Lurie Art Foundation, die erste europäische Ausstellung nach dem Tod des NO!art-Künstlers im Jahr 2008 zu platzieren, war eine kluge Entscheidung. Umgeben von der Kunst seines Freundes Vostell und anderer Fluxus-Größen, ist das Museum eine gute Ausgangsbasis, die vielfältige Kunst des Künstlers wieder stärker in den Fokus des aktuellen Kunstdiskurses zu rücken.

MIX-MEDIA Auch Lurie-Kenner werden bislang nur selten Gezeigtes entdecken. Wie die »Three Women«-Gemälde von 1955, welche an die Unheil verkündenden Geistergestalten der »Schwarzen Serie« von Goya erinnern. Aber auch viele bislang weniger bekannte Bildtafeln und Objekte, beispielsweise »wild« bemalte Koffer als Symbole realer Vertreibung und Heimatlosigkeit, beweisen Boris Luries Qualität als Mix-Media-Künstler.
Vor allem seine Collagen sind grausame Meisterwerke einer Erinnerungskunst, die nicht jammert, nicht geschwätzig ist, sich nicht zurückzieht in sichere ästhetische Gefilde. Lurie greift an: die Verschweiger ebenso wie die Täter und Mitläufer und jene, die angeblich von allem nicht gewusst hatten.
Natürlich ist es bedauerlich, dass einige wichtige, großformatige Öl- und Collage-Bilder, vermutlich auch aus konservatorischen Gründen, in der verdienstvollen Ausstellung fehlen. Aber das Museo Vostell zeigt immerhin eine Inkunabel der Lurie-Kunst: »Railroad Collage«, 35x 57 Zentimeter groß. Eines jener Werke, das auch immer wieder den Überlebenden und deren Nachkommen zu schaffen machte. Eine sich den Slip über den ansehnlichen Po abstreifende Pin-up-Lady. Diese klebte Lurie auf das Foto eines Waggons mit Leichenteilen, sodass das Pin-up-Girl ihren Vorderkörper den Umgekommenen feilbietet.
Der Vorwurf, Boris Lurie, dessen Mutter und Schwester von den Nazis umgebracht wurden, verunglimpfe die im KZ Ermordeten, ist ebenso verständlich wie falsch. Und seine Arbeit als frauenfeindliches Machwerk zu diffamieren, ist auch dann noch zu simpel, wenn wir dem Mann Lurie in Kunst und Leben nicht nur die edelsten Motive unterstellen.

ZWIESPÄLTIG Zweifellos, Luries Kunst wohnt jene Zwiespältigkeit inne, die sie mit der Kunst anderer Künstler teilt, deren Werke um Sexualität und Gewalt kreisen. Es sei nur an Hieronymus Boschs »Garten der Lüste« gedacht, der sich als Sündenpfuhl ebenso deuten lässt wie als künftiges Paradies. Boris Lurie war sich der zwiespältigen Wirkung seiner Kunst bewusst. In meinem Film sagt er dazu sinngemäß, er hätte lieber impressionistisch gemalt, was er ganz gut konnte. Aber es wäre da immer der Zwang gewesen, sich mit der Vergangenheit, mit den gesellschaftlichen Ereignissen auseinanderzusetzen. Eben mit den unangenehmen, mit den »harten Sachen«, doch dies habe ihm kein persönliches Glück gebracht.
Indes, die »Railroad Collage«, ja das Gesamtwerk Luries lässt sich auch als Sinnbild des triumphierenden Lebens über alle Massen- und Völkermorde der Geschichte lesen. Also als der durchaus janusköpfige Sieg der Liebe und der Triebe.
Wie auch immer. Was Lurie nicht gelang, schafften seine Bilder: Im Jahr seines 90. Geburtstages sind sie temporär nach Europa zurückgekehrt. Und bald auch zu ihrem Ausganspunkt Deutschland. In veränderter Form wird die zweite Station der Ausstellung das NS-Dokumentationszentrum Köln sein. Eine respektable Adresse, deren Publikum über den Kreis der Kunstinteressierten hinausreichen wird. Kunst jedoch, und das nicht nur hierzulade, die über den Anlass ihres Entstehens hinaus nachhaltig wirken will, braucht einen Platz im Kunstmuseum. Alles andere ist alles andere ... Das gilt für Picassos Kunst ebenso wie für die von Boris Lurie.

Über RUDIJ BERGMANN: Der Muse(e)nfreund. Hektisch ist er nicht, der 1943 im Rheinland geborene Filmemacher und Kunstliebhaber Rudij Bergmann, wie man es von einem echten Fernsehmann erwartet hätte. Und er hat so viel zu erzählen, dass es schwierig ist, in seinen umtriebigen Gedankenfluß ein wenig Stringenz zu bringen. Über seine Jugend und Schulzeit schweigt sich der Autor beeindruckender Künstlerdokus zunächst aus. Erst nach Abschluss der Schule scheint es interessant geworden zu sein. Denn Bergmann wollte Schriftsteller werden, und veröffentlichte Gedichtbände. Seine eigentliche Liebe aber galt damals der Politik. Sein Engagement war so stark, dass er selber es als sein „ alter ego“ bezeichnet und das auch der Grund ist, warum er aus der Heimat später in den Südwesten zog. Und er vertrieb er sich die Zeit als Weltenbummler und Bohemien in Köln. „Ich wollte immer Dichter sein“, erklärt Bergmann, daher verkehrte er vorzugsweise in Künstlerkreisen, war aber zwischendurch auch einmal für drei Tage Filialleiter eines Feinkostgeschäftes. Sogar in dunklen rauchigen Jazzkellern spielte er Freejazz auf seinem Saxophon, - „ich führe noch immer ein ZickZackleben“. Durch sein Elternhaus erfuhr er eine gewisse politische Vorbildung, die das Kind Rudij Bergmann durch das Studium der Stücke Camus erweiterte. Die Bühne hat ihn weitergebildet.

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