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GOODMAN & LURIE UND CO.

von Erje Ayden (1972)

Publiziert in: linkLurie, Boris; Krim, Seymour: NO!art, Köln 1988

Es fällt mir schwer, über Kunst zu schreiben, die ich persönlich für unwichtig halte, obwohl mir klar ist, dass sie in einem umfassenderen Sinn vielleicht "wichtig" ist. Den folgenden Text stellte ich nach einem Besuch bei Seymour Krim zusammen. Wir hatten damals kurz über die Bedeutung und den Einfluss - falls es ihn überhaupt gibt - der Shit-Show diskutiert. Bei anderen Gelegenheiten nannte man es NO!show, Doom-Show, NO!art, usw.
Dies sei, so sagte man mir, ein Gruppenengagement. Ich nehme an, dass das stimmt. Ein bewusst durchdachtes Gruppenengagement also, dass man dem Galeriepublikum ungefähr in den letzten zehn Jahren präsentierte, und zwar in Zusammenarbeit oder Verschwörung - man kann es so oder so nennen - mit vielen Malern und Bildhauern. Wie andere Gruppenbewegungen vor ihnen hatten sie sich auf künstlerische und gesellschaftliche Richtlinien geeinigt. Genau wie bei den Surrealisten, Kubisten und Abstrakten Expressionisten ist ihre neue Art, Dinge zu sehen, übertrieben und gleichzeitig sehr realistisch. Wenn sie auch nicht so bekannt sind wie die Kubisten und all die anderen, vielleicht auch nicht so bedeutend wie jene, so sind sie aber doch eine Bewegung. Das stimmt! Zu Anfang sagte ich, dass ich persönlich diese Bewegung nicht besonders finde. Zunächst sei einmal gesagt, dass ich Bewegungen im allgemeinen nicht traue. Zweitens ist mein Geschmack eher konservativ, obwohl ich als extremer Künstler gelte. Ich bewege mich meistens gewöhnlich in Kreisen sehr individualistischer Maler und Autoren. Allerdings wurden manchmal viele Künstler, die ich bewundere, mit Gruppen oder Cliquen identifiziert. Frank O'Hara war ab und an ein Dichter der New-Yorker-Schule, einige halten DeKooning für einen Abstrakten Expressionisten und Eugene O'Neill war ein Ire! Deshalb werde ich den schwierigen Kram beiseite lassen, insbesondere die Shit-Show mit all ihren ideologischen Verflechtungen, dem Neid, dem Zorn und der Eitelkeit, und mich auf ihre beiden ideologischen Begründer, nämlich Lurie und Goodman, konzentrieren. Ebenso werde ich die Manifeste dieser Gruppe völlig außer acht lassen, zumal die meisten von ihnen von einem Oberschüler hätten geschrieben sein können. Mich interessiert hier die Kunst ungeheuer, die nicht an Worten festgemacht ist.
Ihre ursprünglichen Begründer sind Sam Goodman, der 1967 gestorben ist, und Boris Lurie, der wie jeder von uns in dieser großen dreckigen Stadt lebt.
Fangen wir doch so an ... Bring mir zwei Bilder zum Aussuchen, eins von Boris Lurie und eins von Bob Rauschenberg - ihre Arbeiten sind sich gar nicht so unähnlich -, und bitte mich, eins mit nach Hause nehmen zu dürfen. Ohne auch nur eine Minute zu zögern, würde ich mir das Bild von Rauschenberg unter den Arm klemmen. Seine Arbeiten faszinieren mich nämlich und entsprechen meinen Intentionen. Gleichzeitig muss ich aber gestehen, dass ich Lurie für aufrichtiger und letztendlich revolutionärer halte als Rauschenberg. Warum? Die Gründe, die mich zwingen, Luries moralische Überlegenheit über Rauschenberg zu stellen, haben überhaupt nichts mit Luries technischem Können zu tun; hier ist Rauschenberg tatsächlich weit überlegen. Nein, es hat etwas zu tun mit Luries erklärter Aversion gegen serienmäßig hergestellte, manikürte und vorgeblich überaus seriöse amerikanische Leinwandbilder, die nur mit Farbe bedeckt werden, um jede x-beliebige Gruppe von Interessenten zu befriedigen.
Heutzutage fällt es einem nicht schwer, viele, mit Recht berühmte New Yorker Maler mit New Yorker Politikern zu vergleichen. Jüdische Knishes auf der Lower East Side. Eierteigrollen in Chinatown. Kohl und Corned Beef auf der Third Avenue. Und Gott-wer-weiß-was für Europa.
Meines Wissens haben die elitären Hinterzimmer-Kunstpolitiker keinen Einfluss auf Luries Arbeiten, obwohl es diese Politiker aus irgendeinem Grund einfach nicht dabei belassen können, ihr Geld mit ihren Flotten oder was auch immer zu verdienen.
Ich bin kein Purist. Jeder, der mich kennt, weiß zumindest das. Leider erfordern die Umstände heutzutage Kompromisse. Das sagte einmal ein Dichter:

Natürlich sieht eine Nelke auf den Lippen deiner Geliebten
Nicht genauso aus
Wie der Tod von Millionen Juden
Im Warschauer Ghetto.

Sieht man sich um, mit oder ohne Brille, reicht ein Blick aus, um all den Horror zu sehen. Deshalb zeugt es von erfrischender Vitalität, wenn man einige Leute sagen hört: Die Verantwortung des Künstlers sollte in der Totalen Revolte liegen.
Obwohl ich großen Respekt vor den Che Guevaras dieser Welt habe, kann ich dem als Schriftsteller nicht zustimmen. Anscheinend bin ich mit dem Alter zum Zyniker in Sachen Revolution geworden. Oder liegt es daran, dass ich einige mitgemacht habe? Ein Roman ist auch ein Spiegel der Sprache und wenn ich schreibe, versuche ich so vorsichtig wie möglich unparteiisch zu bleiben. Ich versuche vielmehr, den allgemeinen menschlichen Hintergrund sowohl bei Unterdrückten als auch Unterdrückern zu ergründen.
Und es ist wahrlich beruhigend, dass solche Leute wie Lurie auftreten, um uns daran zu erinnern, dass wir im Herzen der Bestie leben.
Die Gefühle einmal hinten angestellt, ob ich Lurie nun als Künstler gut finde oder nicht, Lurie hat ein anderes wichtiges Konzept. Vielleicht ist es deshalb nicht so einmalig, weil es in der Tradition von Goya und seltsamerweise auch in der von Brueghel steht. Versuche, für die Entrechteten die Freiheit zurückzugewinnen, und Versuche, für die Kunst nichtsdestoweniger das gleiche zu tun. Dieser Lurie macht es. Vielleicht nicht gerade mit dem Schwung eines Brueghel oder Goya. Jedoch Gustos gleichen Legenden, sie variieren von Jahrhundert zu Jahrhundert.
Ironischerweise gelingt Lurie auch noch etwas anderes - ob nun gewollt oder nicht, sei dahingestellt -, er bringt nämlich ein gewisses Maß an Mitleid für die ungerecht Herrschenden auf. (Vergleiche dazu besonders Luries 1963 entstandenes Bild von Henry Cabot Lodge.) Wenn das tatsächlich stimmen sollte, bin ich mehr als froh, diesen Beitrag hier geschrieben zu haben.
Goodmans Anliegen unterscheidet sich eigentlich kaum von dem Luries. Der Unterschied liegt mehr in der Ausdrucksweise.
Goodmans tragischer Tod - jeden Todesfall unter 70 betrachte ich als tragisch - macht die Beurteilung seines Anliegens noch schwieriger, komplexer. Wenn er z.B. heute noch leben würde, würde er dann noch die gleichen Sachen machen??? Man hat es schon oft gehört, dass Künstler sich nicht nur nach einigen Jahren verändern, sondern von Tag zu Tag, und zwar politisch, gesellschaftlich, künstlerisch und kameradschaftlich!!! Oh Gott, oh Gott! Und das in jeder Hinsicht. Ich sage es mal so: "Nur ein ehrenwerter Mann widerspricht sich selbst."
Angenommen, Goodman wäre noch am Leben, würde noch das gleiche Zeug machen und sein Denken würde noch dem der frühen 60er Jahre entsprechen, dann könnten wir feststellen, dass dieser Kanadier Beachtung verdient, dass er ein ernsthafter Verwalter von Alpträumen ist, jedoch nicht der Alpträume des Kopfes, sondern der der Welt, die uns alle so hilflos und klein machen, die uns in 1000 und einer Variation Tod und Ungerechtigkeit vor Augen halten.
Von den beiden ist Goodman der Fesselndere, der, der mehr auf das Elend, die dauernden Verwüstungen hinweist. Lurie ist da anders. Ich glaube, als Künstler steigt Goodman - persönlich kannte ich ihn nicht - brutaler, zynischer und mit quälenderer Vehemenz in unser Universum ein. Lurie und Goodman ergänzen sich jedoch auf ideale Art und Weise. Beiden ist trotz alledem die Würde des Menschen sehr wichtig; Herman Melville benannte danach sogar ein Schiff. Beiden fühlen sich ebenso selbstlos demgegenüber verpflichtet, was getan werden muss. Ich mag beide, obwohl ich nicht im selben Boot mit ihnen sitzen möchte. Vielleicht sollte ich diesen Burschen einmal sagen, warum sie mir mit ihrem "Typus" von Wahrheit auf den Geist gehen. Das Wahrheitsbewusstsein eines jeden Menschen ist nämlich verdammt unterschiedlich. Jeder von uns sucht doch mit den Augen eines Rashomons nach einem Ort, an dem er Schutz und Sicherheit findet.
Ich hoffe dennoch, dass Lurie und Goodman sowie ihre Genossen bald ihre schwer verdiente Anerkennung erhalten werden. Künstlerische Anerkennung ist für uns nämlich keine Rarität in dieser Stadt. Abscheulicherweise werden damit viel beschissenere Künstler bedacht, eben weil sie die richtigen "Paten" haben und charmant genug sind, mit den richtigen Leuten Essen zu gehen.
Dieser Schriftsteller schrieb einmal ... :

Man sagte
Auf den Gräbern
Von Sacco und Vanzetti
Wüchse eine Rose
Und jeden Morgen
Blühe sie aufs Neue
Ungeachtet
Jeglicher Wettervorhersage."

ERJE AYDEN: New Yorker Autor mit türkischer Abstammung; schrieb den umstrittenen Roman "The Green of Second Avenue" mit einer Einleitung von Seymour Krim.

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