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BRIEF AN BORIS LURIE

von Louis Aragon (1970)

Publiziert in: Boris Lurie/Seymour Krim, NO!art, Berlin - Köln 1988

Danke für Ihren Brief. Ich bin also noch nicht ganz tot. Das ist ein recht angenehmes Gefühl. Aber wieso sollte ich glauben, dass Ihr mich wirklich braucht? Ich bin nicht so dumm, dass ich mein altes Gesicht nicht erkennen würde, es gibt nämlich Spiegel. Und von dem, was die Spiegel nicht zeigen, bin ich wohl unterrichtet.

Alain Jouffroy ist derzeit nicht in Paris. Ich hätte genug Zeit gehabt, ihn über Euch zu fragen, da Ihr Brief vom 28. April stammt. Aber ich habe ihn erst vor zwei Tagen gelesen. Immerhin, denn all die anderen habe ich nicht einmal aufgemacht. Trotzdem, gute Worte ändern auch nichts.

Wenn das Buch, von dem Sie sprechen, erscheint, bitte schicken Sie es mir herüber. Alte Leute (die englische Sprache hat kein Wort für das französische viellard, das heißt alter Mann, aber mit Geringschätzung, wenn ich das so sagen darf) glauben gerne, sie hätten junge Augen.

Ich habe meine Jugend nicht vergessen. Aber ich verstehe auch, warum es anderen nicht so geht.

Viel Glück mein Junge, Ihnen und Ihren Freunden, jungen und alten. Und verzeiht mir, wenn ich für Euer Buch nichts schreibe; ebenso wenig werde ich auf den Mond wandern.

Und gute Arbeit! Ich weiß nie, wie ich einen Brief beenden soll, nicht einmal auf Französisch.

Also dann tue ich es nicht.

Louis Aragon (* 3. Oktober 1897 als Louis-Marie Andrieux, in Paris; † 24. Dezember 1982 in Paris) war ein französischer Dichter und Schriftsteller. Beeinflusst von Charles Dickens, Comte de Lautréamont, Leo Tolstoi, Maxim Gorki ist er einer der Vertreter des sozialistischen Realismus. Zusammen mit André Breton begründete er 1924 den Surrealismus.

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